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Bienvenido a Lima

Nach einem ereignislosen Nachtflug mit American Airlines (meiner neuen Lieblingsairline) kamen wir morgens gegen 4:45 Uhr am Flughafen in Lima an. Ich hatte bisher (fast) immer Glück im Flugzeug, was Belästigungen durch schreiende Kinder, unangenehme Sitznachbarn oder Geruchsbelästigungen anging. Nun, letzteres war diesmal leider nicht der Fall. Neben mir saß eine Frau in ihren Zwanzigern, die wohl schon etwas länger unterwegs war oder stark geschwitzt hat oder beides, in jedem Falle, und das sagt ja überhaupt nichts über diesen Menschen aus, hat sie sehr unangenehm gerochen. Ich erwähne das hier nur, weil ich dem Geruch nur durch den konsequenten Gebrauch der Luftdüse über meinem Sitz entfliehen konnte. Entgegen meinen Gewohnheiten (ich drehe die Düse sonst eher zu, weil ich den Luftstrom nicht so angenehm finde) blies nun also stundenlang die trockene Luft mitten in mein Gesicht. Immerhin hatte ich so ungefähr die Hälfte der Zeit kein olfaktorisches Problem, nur ein, hm, windiges. Schlafen war also nicht so angesagt.

Wir kamen also morgens an, schon sehr durchnächtigt, und hatten rund zwei Stunden totzuschlagen, bis um 7:00 Uhr der erste seriöse Shuttlebus vom Flughafen nach Miraflores ging. Für die Bargeldversorgung haben wir alle Geldautomaten am Flughafen durchprobiert, bis wir einen gefunden haben, der keine unverschämten Gebühren verlangt (Danke, Scotiabank!). Manche Kreditinstite verlangen pauschal knapp 10 EUR für eine Bargeldabhebung, selbst schuld, wer sowas macht. Wir haben uns danach eine viel zu teure Flasche Wasser gekauft, uns in ein Flughafencafe gesetzt, wo ich mir einen Alibi-Kaffee bestellte, und unsere mitgebrachten Kekse gegessen.

Peru Währungsgrundlagen

Ein kurzer Infotext zwischendurch:
Die Währung in Peru nennt sich seit 2015 „Sol“, das Währungskürzel ist PEN und das Währungszeichen ist S/. Die Währung ist unterteilt in Scheine zu 10, 20, 50 und 100 Soles und Münzen zu 1, 2 und 5 Soles. Ein Sol besteht aus 100 céntimos, diese gibt es in Münzen zu 10, 20 und 50 céntimos.
Die Umrechnung im Kopf ist relativ einfach, da 1 EUR ca. 4 PEN entspricht, dementsprechend sind 40, 80, 120 Sol eben 10, 20 oder 30 Euro. Das haben wir relativ schnell verinnerlicht.

Ich kenne mich und werde in Zukunft vermutlich beide Währungen parallel benutzen bzw. wild durcheinanderwerfen, jetzt habe ich das wenigstens als Referenz festgehalten.

Miraflores

Auf dem Weg zum Bus überquerten wir den Parkplatz des Flughafens. Mein erster Eindruck, man darf die Übermüdung nicht vergessen, war also dieser diesige Parkplatz mit hässlichen Häusern im Hintergrund, überall hupende Autos, Hektik, rufende Taxifahrer. Alles wie immer, egal wo auf der Welt.

Der Bustransfer war sehr einfach, kostengünstig und zuverlässig. Wir durchquerten das Viertel „Callao“, in dem auch der Flughafen liegt, und mein Blick aus dem Fenster sah nur triste Häuser, Shops mit bunten Plastikwerbebanderolen, hupende Autos, Verkehrschaos und halbfertige Häuser, ab und zu unterbrochen von informellen Wohnungen. Sonnenstrahlen gab es nicht, über Lima hing eine wolkige Dunstglocke. Also irgendwie sah alles einfach scheiße aus, ich kann es nicht anders sagen.

Der Bus fährt ausschließlich nach Miraflores. Gute Infrastruktur, viele Angebote für Ausländer und ziemlich sicher, sagt man. Zusammen mit dem im Norden angrenzenden San Isidro einer der reichsten Stadtteile der Stadt und wie gemacht für Touristen. Wir sind natürlich auch dort abgestiegen.

Ein ausgedehntes Frühstück

Unser Hostel war unweit einer der Haltestellen des Flughafenbusses, angesichts des Gepäcks und unseres Zustandes war jeder Meter ein Meter zu viel. Ein Mitarbeiter in Handwerkerklamotten hat uns die Tür aufgemacht, ein zweiter Mitarbeiter hat uns in Empfang genommen. Selbstverständlich ausnahmslos in spanisch. Einer früherer Check-In war leider nicht möglich, wir haben also unser Gepäck abgestellt und sind gegen 9:00 Uhr in der Nachbarschaft in ein Café zum Frühstück eingekehrt. Das war mein erster Kontakt zur peruanischen Gastronomie und der dazugehörigen, hmmm, ich nenne es mal „Gelassenheit“, auch wenn das nur bedingt richtig ist.
Die Karte war online verfügbar, Internet hatten wir keines. Das WiFi im Café war für Gäste kostenfrei, nur irgendwie wusste niemand das richtige Passwort. Wir haben die drei Vorschläge, die wir bekommen haben, ein bisschen verändert, kombiniert und rumprobiert -dann ging es irgendwann. Die Verbindung brach zwar regelmäßig ab (so alle 1-2 Minuten), aber wir haben es geschafft die Karte zu öffnen.
Als wir nach guten zwanzig Minuten endlich unsere Bestellung aufgeben konnten, begann der hauptsächliche Tagesordnungspunkt unseres Aufenthalts in diesem Café: Warten. Lange warten. Zugegeben, das war uns ja ganz recht, wir hatten schließlich drei Stunden totzuschlagen, mein Hunger war allerdings weitaus weniger geduldig.

Ich bestellte mir eine Waffel mit Früchten und einen Kaffee. Ich bekam einen sehr leckeren Kaffee und eine halbe (!) Waffel. Spoiler: Man bekommt oft nur eine halbe Waffel, wenn man eine Waffel zum Frühstück bestellt. Mal ganz im Ernst: Was machen die mit der anderen Hälfte der Waffel? Wegschmeißen? Selbst essen? Ich könnte das ja noch verstehen, wenn das eine Convenience-Waffel aus dem Toaster wäre. Der Witz ist aber, dass die halben Waffeln eben frische halbe Waffeln sind. Verrückt.

Nach langer Zeit kam dann das Essen. Es hat alles geschmeckt und war preislich auch okay (für mein noch sehr europäisch geprägtes Empfinden). Satt war ich natürlich nicht, aber fürs Erste sollte das reichen. Miriam war gesättigt, ich kann mich nur nicht mehr genau erinnern, was sie eigentlich hatte. In jedem Falle hat uns das Frühstück rund anderthalb Stunden von der Uhr genommen. Ausgedehnt, was?

Internet und so

Damit sich das Debakel mit der Speisekarte nicht so schnell wiederholt, sind wir direkt danach in einen Mobilfunkladen marschiert. Die Sim Karte von Claro kostet pauschal 5 Sol, dazu habe ich für 60 Sol das Datenpaket mit 21 Gigabyte gebucht. „Haben ist besser als brauchen„, war da die Devise. Die Aktivierung ging direkt vor Ort, der ganze Prozess hat keine 10 Minuten gedauert. Ich bin normalerweise ein großer Fan von eSims, die man bequem online kaufen kann (mache das auch in den USA so), aber hier sind örtliche Karten natürlich unschlagbar günstig -zumal man so auch eine Telefonnummer bekommt und tatsächlich telefonieren kann.

(Not so) Great Partners Hostel

Zurück im Hostel begegneten wir dem Chef, so zumindest unsere Annahme. Der Mann konnte englisch, was uns den ganzen Prozess des Eincheckens erleichterte. Das Doppelzimmer mit geteiltem Bad haben wir auf booking.com gebucht, wie wir das sehr oft handhaben, und uns da auch an den Reviews orientiert (die wir sehr gewissenhaft lesen). Ein Rating von 8,7/10 klingt natürlich gut, vor allem bei über 200 Rezensenten. Oder?

So nett alle Mitarbeitenden dort waren, das Ding war ziemlich heruntergewirtschaftet. Also irgendwie alles dort war alt, abgenutzt und halb kaputt. Ich habe schon in sehr vielen Hostels geschlafen und auch schon in den allerbaufälligsten Klitschen in der tiefsten philippinischen Wildnis -das hier war trotzdem bemerkenswert.
Das Bett war allerdings bequem und es war grundsätzlich auch sauber. Bisschen blöd war die Balkontür zum Gemeinschaftsbalkon, weil man sie nicht (mehr) verriegeln konnte. Die Bohrungen im Boden hatten einen guten Zentimeter Abstand zum Bolzen der Verriegelung. Präzisionsarbeit. Somit war unser Zimmer theoretisch zu jeder Zeit für jeden zugänglich. War dann aber auch egal. Erstmal bisschen ausgeruht und rumgedöst, es tat richtig gut, sich endlich hinzulegen.

Costa Verde

Den restlichen Tag verbrachten wir mir dem Erkunden der näheren Umgebung. Die Steilküste von Miraflores (und Barranco) ist am oberen Ende mit vielen Grünflächen als durchgängige Promenade angelegt. Das ist ganz nett und wird von den Einheimischen auch rege genutzt -zum Abhängen, Austauschen, Spielen, Spazieren und Paragliden.

Was man auf den Bildern sehr gut erkennen kann, ist das typische Wetter in Lima. Es ist fast immer bewölkt und diesig. Um so schöner, wenn die Sonne dann mal wirklich durchkommt (kam sie erstmal nicht). Danach gab es noch Bowls zum Abendessen und der Tag war gelaufen.

Historisches Zentrum

Wie so üblich haben wir uns für eine Free Walking Tour angemeldet. Nett war hierbei, dass der Treffpunkt in Miraflores lag und man mit dem Guide gemeinsam mit dem Bus ins Zentrum fährt. Das klingt erstmal unspektakulär, aber bei rund 12km durch eine 10 Millionen-Stadt und ohne Ahnung, wie es vor Ort funktioniert -da ist man für Hilfe erstmal dankbar.

Den ganzen historischen Inhalt werde ich jetzt hier nicht wiederholen, sowas kann man ja auch irgendwo nachlesen. Unser Führer Jorge war ganz nett und hat das so lebendig erzählt wie er konnte. Es kam auf jeden Fall durch, dass er die aktuelle Regierung der Stadt/den Bürgermeister ziemlich blöd findet.

Das historische Zentrum erinnert mich irgendwie an Málaga, ist dabei aber gleichzeitig schmutziger, wuseliger und lauter. Die europäischen Wurzeln sind, allein durch die Architektur, nicht zu verheimlichen, trotzdem ist alles irgendwie…fremd.
Nach der Tour haben wir ein Mittagessen eingenommen, und zwar auf eine sehr peruanische Art und Weise: Das (vegetarische) Restaurant war sehr einfach gehalten und wir haben die kleine, handschriftliche „Menükarte“ auch erst nicht richtig verstanden. Ich kürze ab: Die Hauptspeise konnte man wählen (aus 5 oder 6 Vorschlägen), dazu bekommt jeder die gleiche Vorspeise (eine leckere Suppe), den gleichen Nachtisch (ein unleckerer, wässriger Grieß) und dazu das gleiche Getränk (eine kalter Tee aus Hierba Luisa, aka Zitronengras).

Das sieht unspektakulär aus, hat aber ganz gut geschmeckt. In jedem Falle spektakulär war der Preis: Wir haben pro Person für das Menü 12 Soles bezahlt, also ziemlich genau 3 EUR. Das habe ich in der Innenstadt nicht erwartet, zumal hier vieles nicht sooo billig ist, wie man vielleicht denkt.

Zum Nachtisch gab es ein paar Häuser weiter noch peruanische Churros, die etwas anders als ihre spanischen Verwandten sind:

Der Teig ist aufgerollt, ähnlich wie bei einem Hörnchen, innendrin steckt eine Füllung (z.B. Schokocreme) und dann wird es frittiert. Yum! Das Stück kostete rund 2 Soles, also ein Schnapper.

Barranco

Der Stadteil Barranco (zu deutsch in etwa „Klippe/Schlucht“) grenzt südlich an Miraflores an und ist so ein bisschen im Kommen, quasi die alternative Schwester von Miraflores. Wenn man den Texten der Betreiber von Führungen Glauben schenken mag, dann klingt das alles so wie das Kreuzberg/Friedrichshain von Lima.

Wir haben dort eine Tour mit „Alberto“ gemacht. Ich kürze hier ab: Die Tour war so naja, Barranco irgendwie langweilig und „alternativ“ trifft zu. Mir waren da in der Gastronomie zu viele „coole Leute“ und wirklich dort aufhalten wollten wir uns nach der Tour auch nicht. Ein paar Bilder und dann solls damit auch gut sein:

Was es sonst noch so zu sagen gibt

Der Verkehr in Lima ist…krass. Die verstopften Straßen in Manila oder das Meer an Rollerfahrer*innen in Vietnam sind beeindruckend, aber dieses Chaos hier überbietet das bei weitem. Während erstgenanntes irgendwelchen Regeln folgt, zeichnet sich der Verkehr in Lima durch die Abwesenheit ebensolcher aus. Es wird sich in jede Lücke gedrängt (ob da Platz ist, spielt erst mal keine Rolle), Stoßstange an Stoßstange ist ganz normaler Betrieb, Blinker und Warnblicker sind rein dekorative Elemente und werden auch nur als solche benutzt. Die wichtigste Einrichtung eines jeden Fahrzeugs ist die Hupe. Das Signal bedeutet dabei alles: „Ich komme“, „Achtung!“, „Platz da!“ oder auch „Arschloch“. Das kann man ja dann vom Kontext ableiten…
Ich wollte das eigentlich auf Video festhalten und war mir auch sicher, ich hätte eine katastrophale Situation -habe ich aber nicht. Das bleibt also der Imagination überlassen.

Außerdem darf man sich nicht blenden lassen von den „reichen“ Vierteln, die schon beinahe europäisch daherkommen und nur ein bisschen mit einheimischen Gewohnheiten (Streetfood und Straßenhändler zum Beispiel) „gewürzt“ sind -die gesellschaftliche Wohlstandsschere ist auch hier weit geöffnet. Vor allem im Norden der Stadt sind die Gebiete vor denen selbst Einheimische warnen. Man muss da aber auch nicht hin, es sieht dort auch nicht sehr einladend aus (die Bilder haben wir auf unserer Busfahrt nach Huaraz gemacht).

Das sieht dann so aus bzw. noch weniger attraktiv aus (mit Müll auf den Dächern, zwischendurch bewohnte Bauruinen, informelle Behausungen), Kilometer um Kilometer. Das und die ewige Diesigkeit des Himmels schlagen schon irgendwie aufs Gemüt und lassen das erste Mal den Gedanken zu, dass es hier irgendwie „hässlich“ aussieht. Und ich meine das gar nicht europäisch-herablassend. Sowas sieht man auf der ganzen Welt und es ist mir auf jeder Reise begegnet, aber irgendwie gab es da immer noch einen Hauch von Ästhetik im Durcheinander. Ich bin gespannt, ob mir der noch begegnet.

Auf in die Berge!

Unser nächstes Ziel heißt Huaraz, eine Stadt in den Anden. Genauer: In den Kordilleren. Ein wichtiger Knotenpunkt für viele, viele Wanderungen und für den Wandertourismus allgemein. Ein Hotspot, sozusagen. Ich bin gespannt. Bis dahin!

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