dorfkartoffel.com

frankfurt. welt.

Ich und (m)ein E-Lastenrad (1)

Anfang des Jahres wurde ich auf die Aktion „Radfahren neu entdecken“ der Arbeitsgemeinschaft Nahmobilität Hessen aufmerksam -also ein von der Landesregierung gefördertes Projekt.

Worum geht’s?

Nach einer Registrierung bekommt man die Möglichkeit sich in seiner Heimatkommune, sofern sie teilnimmt, für einen gewissen Testzeitraum und ein gewisses Testobjekt einzutragen. Bei mir standen E-Lastenräder und reguläre E-Fahrräder zur Auswahl. Ich musste nicht lange überlegen, die Möglichkeit schwere Lasten, zum Beispiel Einkäufe, mit dem Rad durch die Stadt zu bewegen fasziniert mich grundsätzlich. Es sollte also ein E-Lastenrad sein.

Ich muss vorneweg sagen: Ich habe sehr große Vorurteile gegen E-Bike-Fahrer (keine Lastenräder), die auch regelmäßig bestätigt werden. Für mich ist ein E-Bike kein Fahrrad und ein Fahrer eines E-Bikes dementsprechend auch kein Fahrradfahrer. Ich kriege sofortigen Bluthochdruck wenn ich diese E-Mopedfahrer mit komplettem Radsportoutfit auf dem Radweg fahren sehe. Nein Leute, motorunterstütztes Fahren im Flachland ist KEIN SPORT.

Ausleihe und erste Gehversuche

Anfang Juni war es dann endlich soweit. Mein Testzeitraum stand an und ich konnte mein Rad an einem Samstagvormittag am Gravensteiner Platz in Frankfurt abholen. Das mir „versprochene“ Fahrrad konnte ich aber nicht bekommen (wohl nicht zurückgegeben oder defekt), weshalb mir ein anderes Modell überlassen wurde. Ich war erst ein bisschen niedergeschlagen (das ist meine natürliche Reaktion auf Planänderungen), meine Stimmung sollte sich aber irgendwann erhellen. Dazu später mehr.

Ich habe damit gerechnet ein Modell zu bekommen, welches so in etwa den Rädern entspricht, die von den ganzen Muttis so durch Frankfurt gelenkt werden, z.B. ein Urban Arrow Modell. Aber da stand ein riesiger Klotz mit eckigen Rohren und einem Design, dass ich nicht einordnen konnte. Vor mir stand ein „Riese + Müller Load 75“. Ich muss an dieser Stelle sagen: Das Design des aktuellen Modells ist viel weicher und sportlicher als die Ecken und Kanten des Modells, das ich fahren durfte. Zurück zum Text.

Ich wurde kurz eingewiesen in die Schlüssel und die Bedienung Fahrrads, das war alles soweit kein Hexenwerk. Noch kurz eine Unterschrift auf einem Zettel, draufsetzen und ENDLICH LOSFAHREN.

WHAT THE HECK?!

Ich habe locker in die Pedale getreten und wurde beschleunigt wie in einem Raketenfahrzeug. Zumindest war das mein Gefühl. Dazu diese Lenkung! OHJEMINE! Ich bin vom Fahrrad eine sehr direkte Lenkung gewohnt, hier sitzt das lenkende Rad ja gut anderthalb Meter vor mir und ist mit einer Lenkstange mit dem Fahrradlenker verbunden. Das fühlt sich erst mal komisch und ungewohnt an. Die ersten paar Meter habe ich verkrampft beide Arme am Lenker gehabt, nur kurzes loslassen führte bei mir direkt zu Kursinstabilität. Haha, ich konnte es selbst kaum fassen, wie dumm man sich anstellen kann.

Nach einigen hundert Metern ging es dann eindeutig besser und sicherer.

Ein bisschen technischer Schnickschnack

Der Motor kennt verschiedene Unterstützungsstufen zwischen denen man nach Belieben wechseln kann.

  • AUS, also ohne Unterstützung
  • ECO, für maximale Reichweite, nur geringe Unterstützung
  • TOUR, für einen Mix aus Reichweite und Unterstützung
  • SPORT, wenn man ein bisschen schneller Unterwegs sein will
  • TURBO, maximale Tretunterstützung, geringste Reichweite

Ich bin meistens in TOUR oder SPORT gefahren, habe locker durchpedaliert und bin auf gerader Strecke durchgehend an den 25km/h Grenze gefahren, ab denen das System drosselt. (Anmerkung: Schnellere E-Bikes bis 40km/h sind versicherungspflichtig und benötigen den Führerschein der Klasse AM). Zum anfahren an Ampeln habe ich gerne auf TURBO zurückgegriffen, da man einfach viel besser vom Fleck kommt. Gerade wenn man sich den Verkehr mit Autofahrern teilt, ist es mMn hilfreich, schnell wieder anfahren zu können. Ich habe ein verwackeltes Handyvideo für euch, vielleicht kann euch das Beschleunigung oder Unterstützung etwas näher bringen:

Und wie fährt sich das jetzt?

Fahrgefühl

Ganz ehrlich? Man fühlt sich auf der Straße wie ein King. Ich hatte viel Übersicht durch die gute Sitzhöhe und die aufrechte Sitzposition. Fahren war recht einfach und schweißfrei, zügig, mit einer guten Beschleunigung. Und durch die breiten Reifen und die gefederte Sattelstütze konnte man über Schlaglöcher oder andere Unebenheiten einfach „drüber brettern“ und hat sie kaum bemerkt. Das war unfassbar angenehm. Ich habe gerne den Vergleich zwischen Auto und Transporter angeführt, auch wenn ich diesen Unterschied nur aus der Beifahrerperspektive kenne.
Vom Fahrgefühl her ist das für mich eine unbestrittene 10/10.

Wendigkeit/Platzbedarf

Abstriche gibt es ganz klar bei der Wendigkeit -da braucht man schon Platz, erheblich mehr Platz zum Fahrrad. „Mal eben schnell“ an einer Kreuzung/Ampel umdrehen ist da nicht ohne weiteres möglich. Auch beim Einkaufen muss man genau schauen, wo man sein Gefährt jetzt abstellt. Ich hatte zum Teil erhebliche Probleme das Rad auch irgendwo anschließen zu können. Die Platzierung von Fahrradständern vor Geschäften ist oft unglücklich, die Modellauswahl ebenso. Was mit dem normalen Rad ärgerlich ist, wird hier aber zum Problem. Corona sei Dank waren die Einkaufswagenparkbereiche vor dem Eingang oft nur zur Hälfte bestückt, da konnte ich das Riesenteil dann an der Begrenzung anschließen -unter normalen Bedingungen wäre es dort aber, zum Unwohl meiner Mitmenschen, im Weg gewesen.

Eine weitere Schwierigkeit sind die oft sehr schmalen Fahrradwege oder Maßnahmen zur Absperrung/Verkehrsberuhigung, die man umfahren muss. Nicht selten habe ich mich da beim rangieren erwischt. Ich kann mir gut vorstellen, dass diese Faktoren für Menschen mit weniger Masse, Körperkraft oder einer anderen Statur durchaus zu Problemen führen kann. Insbesondere dann, wenn das Lastenrad auch ordentlich beladen ist.

Mobilität

Mein normaler Arbeitsweg besteht im Regelfall aus 4,5 km Rad fahren, 15 Minuten S-Bahn und nochmal 2,8 km Rad fahren. Am Nachmittag dann das gleiche Retour -bei Lust und Laune fahre ich die ca. 18 km lange Strecke auch komplett mit dem Rad. Was ich daher weiß: Mein Fahrrad passt gerade so in die meisten Aufzüge an den S-Bahn-Stationen. Was ich mir davon ableiten konnte: Das Lastenrad passt auf gar keinen Fall in irgendeinen Aufzug an irgendeinem Bahnhof. Tragen kommt nicht in Frage, dafür ist es mit rund 42 kg (zzgl. Ladung) zu schwer und gleichzeitig zu unhandlich. Hmmm.

Es blieb also nur das Fahren der kompletten Strecke. Das hat mir auch viel Spaß gemacht und war nicht wirklich anstrengend, aber man muss sich eben auch bewusst sein, dass man sich den ÖPNV komplett abschminken kann. Klar, man könnte sich die Frage stellen, ob es jetzt sinnvoll ist, so ein Monstrum in einen Zug zu bugsieren und wie angenehm das für alle Mitreisenden ist. Ich wollte es an dieser Stelle trotzdem mal erwähnt haben, es ist ja kein unerheblicher Faktor.

Die Reichweite des Akkus bei meiner, eher entspannten, Fahrweise mit mittlerer bis hoher Tretunterstützung lag im Mittelwert bei 50-60 geschätzten Kilometern. Ich habe den Akku selbstverständlich nie komplett leer gefahren (wie dumm wäre das), es war nach 36 km Tagesstrecke aber auch nicht mehr so viel übrig. Ich denke, die geschätzten 50-60 km waren ein realistischer Wert.

Ich kann mir übrigens gut vorstellen, mein ganzes Gepäck in so ein Lastenrad zu schmeißen und dann damit (und mit Zusatzakku) auf Reisen zu gehen. Aber das nur am Rande.

Einkaufen ist kein Problem, die Ladefläche ist unfassbar geräumig.

Was ich sonst noch dazu loswerden möchte

Besonders gut gefallen haben mir zwei Dinge. Zum einen ist da der Riemenantrieb in Kombination mit der Nabenschaltung.

Mir wurde vom Fahrradhändler meines Vertrauens schon vor rund anderthalb Jahren eine solche Kombination empfohlen (für ein konventionelles, motorfreies Fahrrad). Der Vorteil hier liegt ganz klar auf dem geringeren Verschleiß, der annähernden Wartungsfreiheit und der Unempfindlichkeit gegen Witterungseinflüsse. Kennt jeder: Regen spült die Kette aus, Dreck hängt fest, Fahrrad fällt um und irgendwas am Spanner verbiegt sich, Dreck an den Ritzeln, diesdas. Alles Geschichte. Vor allem mir als „Vielfahrer“ (lt. seiner Definition) mit mehreren tausend Kilometern pro Jahr würde er sowas ans Herz legen. Problem hierbei: Man findet die Nabenschaltung und den Riemenantrieb eher im höheren Regal bei Rädern ab 1000-1500 EUR. Ich habe mir das gemerkt und werde das beim nächsten Kauf sicherlich berücksichtigen. Aber fürs erste habe ich mein Rad und das wird gefahren, bis es nicht mehr kann. Oder ich nicht mehr kann. Oder beides.
Auf jeden Fall ist die Kombination im Alltag sehr praktisch, ich konnte sie ja jetzt testen. Durch den Gummiriemen gibt es, vom Motor und Reifen abgesehen, auch nicht wirklich irgendwelche Laufgeräusche. Das ist schon sehr angenehm. Ich würde mir zum Beispiel niemals ein E-Bike mit Kettenschaltung kaufen, weil sich das für mich rückständig anfühlt. Ich bezahle viel Geld für ein Gefährt und baue mir dann eine Verschleißfabrik in mein Fahrrad ein? No way, keinesfalls.

Im Zusammenhang mit der Nabenschaltung kommt noch die zweite Besonderheit zum Tragen. Die Schaltung ist nämlich -quasi- stufenlos. Der Schalthebel sieht auch dementsprechend aus, nämlich so:

Das System ist selbsterklärend. Es geht hier aber nicht darum, was ich gerade hochfahre, sondern wie ich mich als der kleine Radfahrer dort fühlen möchte. Ergo: Je flacher, desto einfacher lässt es sich treten. Nach einer kurzen Eingewöhnung fand ich das System so gut, die Rückkehr zu numerischen Gängen empfand ich als unangenehm.
Das Fahrrad braucht deutlichere Tretpausen beim Gangwechsel als eine Kettenschaltung, aber daran hat man sich schnell gewöhnt. Wenn man den Punkt spürt an dem etwas passiert, lässt das Rad auch eine sportliche Fahrweise zu.

Was ist denn jetzt mit deiner Stimmungserhellung, von der du gesprochen hast?

Ich habe am Anfang gesagt, dass ich kurzzeitig enttäuscht war ob des „hässlichen Klotzes“, den ich bekommen habe. Es stellte sich aber schnell eine andere Stimmung ein, denn: Auch wenn Riese + Müller ein sehr gewöhnungsbedürftiges Designkonzept hat, so spürt man an jeder Ecke dieses Gefährts einen unfassbar hohen Qualitätsanspruch. Es fühlt sich einfach alles so wertig und stabil und unkaputtbar an, das Gefühl habe ich selten bei einem Fahrrad. Mein Eindruck sollte sich bestätigen, als ich ein anderes Modell in die Finger bekam. Aber dazu mehr an einer anderen Stelle.

Kaufst du dir jetzt auch so eins?

Meine Vorurteile (s.o.) bezüglich E-Bikes wurden im großen und ganzen bestätigt. Eine Tretunterstützung macht Spaß, erschließt neue Möglichkeiten des Fahrens, kann eine große Hilfe sein et cetera, sie disqualifiziert das Fahrrad aber als Sportgerät. Es ist näher am Mofa als an einem Fahrrad.

Abseits dieser Meinung war ich aber sehr zufrieden. Ich bin gerne bereitwillig am Abend noch mal losgefahren, um in einem Restaurant etwas zu Essen abzuholen. Ich bin gerne noch mal schnell in den Baumarkt gefahren, um etwas einzukaufen. Es hat so unfassbar viel Spaß gemacht, dieses Ding zu bewegen -ja, ich hätte auch gerne eins.

Ich hatte dann die Überlegung, Führerschein AM und Versicherung vorausgesetzt, mir ein kleineres Modell bis 40 km/h zu besorgen. Das würde meinen Arbeitsweg (denn ich darf ja durch den Stadtwald fahren) erheblich verkleinern, die 18 km in 30-40 Minuten wären definitiv möglich. Aber…

…die Preisgestaltung ist etwas, was mich schlucken lässt. Das von mir gefahrene Modell in ähnlicher Ausstattung liegt im Neupreis bei ca. 7200 EUR, eine schnellere Variante (trotz kleineren Modells) bei 7800 EUR. Das ist eine Menge Geld. Etwaige Förderprojekte vom Land Hessen oder einzelnen Kommunen sehen eine Förderung von zum Teil 1000 EUR vor (auch für Privatpersonen), was den Preis auf 6200 EUR respektive 6800 EUR drückt. Das ist noch immer der Preis eines Gebrauchtwagens.

Hätte ich ein kleines Business und wäre auf regelmäßige Fahrten im Stadtverkehr angewiesen (z.B. Einkauf oder Auslieferung o.ä.), dann wäre das ein No Brainer und schon gekauft. Die Vorteile im innerstädtischen Verkehr gegenüber einem Auto überwiegen einfach zu deutlich. Aber als Privatperson und nur als Einkaufsvehikel? Da stimmt die Preis/Leistung für meine Lebenssituation einfach überhaupt nicht.

Es bleibt also dabei: Mein Motor ist die Muskelkraft.

Weiter Beitrag

Zurück Beitrag

Antworten

© 2020 dorfkartoffel.com

Thema von Anders Norén