Prag #2

Der ursprüngliche Plan sah eine Besichtigung der „Knochenkapelle“ vor, die in Kutna Hora liegt, mehr als eine Zugstunde östlich von Prag. Das hätte uns den ganzen Tag gekostet und demnach wertvolle Zeit in Prag gestohlen, da Sonntag ja bereits der Abreisetag war. Wir entschlossen uns dann also dazu, Kutna Hora auf unserer Weiterreise nach Breslau einzubauen.

Der Samstag war damit frei für die Prager Burg, die Hauptattraktion der Stadt. Von unten sieht sie ja schon beeindruckend aus, wie das wohl aus der Nähe sein wird?

imageMovie Fifty Shades Darker (2017)

Ich habe gestern schon angedeutet, das Prag eine recht teure Stadt ist. Man kann hier zwar gut Essen gehen und liegt im mitteleuropäischen Durchschnitt, man kann hier sehr günstig Bier trinken aber, und das habe ich so bisher noch nicht erlebt, man wird für touristische Attraktionen ordentlich zur Kasse gebeten.

Die Burg und deren Gärten sind grundsätzlich frei begehbar, die einen tieferen Blick in Gebäude oder Teilabschnitte bedarf es aber einer Eintrittskarte.
Die umfangreichste Eintrittskarte für den Burgkomplex mit Zutritt zu fast allen Gebäuden war uns zu teuer, wir entschieden und für die zweitteuerste Option (250CZK, ca. 9 EUR p.P.) und hatten damit Zugang zur großen Kathedrale, zum alten Palast, zur Basilika und zur goldenen Gasse. Ein Audioguide kostet für max 3 Stunden 350 CZK, also rund 13 Euro. Das empfand ich schon als frech, ein „echter“ Guide 400 CZK (15 EUR) pro Stunde, also auch zu viel für unser Reisebudget.
Karten/Broschüren/Erklärungsmaterial waren auch verhältnismäßig kostenintensiv und somit uninteressant.

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Das zentrale Gebäude, die riesengroße Kathedrale, hab ich nicht mal aufs Foto bekommen. Sie erinnert ein bisschen an den Kölner Dom, ist aber irgendwie schöner als ebendieser (Sorry nach Köln). Ich mag es, mir Kirchen anzuschauen und ich mag es auch, mich mal reinzusetzen und eine Viertelstunde abzuschalten. Ich betrat also voller Vorfreude das Gebäude und war….entsetzt.
Statt Stille erwartete mich dort drin ein buntes Durcheinander und eine Lautstärke jenseits der Frankfurter Kleinmarkthalle am Samstagvormittag. Vielleicht bin ich altmodisch, aber in Kirchen hat man doch einfach, sofern möglich, mal die Klappe zu halten und leise zu sprechen, oder irre ich mich da?
Der Anblick war dennoch kein schlechter und das Gebäude gehört zu den schöneren seiner Art.

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Mehr Bilder kann ich leider nicht zeigen, da man eine Fotolizenz erwerben muss um Fotos machen zu dürfen (passend zur aktuellen Debatte, irgendwie). Konnte ich über die Preise noch hinwegsehen, schließlich muss ja alles irgendwie finanziert werden, enttäuschte mich der Gang durch dieses Gebäude sehr. Überall stehen Hinweise, welche Nummer ich auf den Audioguide zu drücken habe. Aber nirgendwo steht auch nur eine Infotafel zum Durchlesen. So viele schöne Fensterbilder und Wandmalereien erzählen so viele Geschichten, aber ich verstehe nichts davon, weil es keine Informationen dazu gibt, wenn man keinen Audioguide besitzt. Ich weiss nicht ob meine Erwartungen zu hoch waren, aber ich glaube ich war noch nie an einer Sehenswürdigkeiten ohne Informationstafeln.

Der alte Palast war etwas langweilig, da es dort nicht viel zu sehen gab und die Basilika war sehr schön, aber unglaublich voll und überlaufen. Das Highlight war die goldene Gasse. Dort sind nicht nur Rüstungen und Waffen ausgestellt, man kann auch Folterinstrumente und -kammer besichtigen und sieht die Häuser/Arbeitsplätze verschiedener Angestellter aus verschiedenen Epochen. Darüber hinaus laden die Gärten noch zum Verweilen ein, aber auch hier kosten einige zusätzlichen Eintritt von ein paar Euro. Der Ausblick von hier oben ist aber über jeden Zweifel erhaben.

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Die gesamte Anlage ist schön anzusehen und bietet, abseits der zertretenen Pfade, einen guten Kontrast zur großen Stadt. Die königlichen Gärten auf der Ostseite des Schlosses sind verbunden mit der Parkanlage rund um das Metronom im Norden der Stadt und bieten viel Platz auf vielen großen Wiesen. Irgendwie ironisch: Das Metronom (Kunstobjekt) steht auf einem Sockel, auf dem vor rund 50 Jahren ein riesiges, gut sichtbares Antlitz von Stalin über der Stadt thronte. Früher ein Symbol der Unterdrückung durch die kommunistische Sovjetunion dient der Platz heute als Hangout für Jugendliche und junge Erwachsene, inkl. provisorischer Bar, Graffiti, Skateboards, Liegestühlen und Club Mate.

Nach dem Abstieg waren wir hungrig und machten uns auf die Suche nach einem vegetarischen Restaurant welches Mimi am Tag vorher zufällig im Internet entdeckte. Abseits aller Touristenpfade, versteckt in einer Sackgasse liegt das “ Clear Head“. Der junge Mann mit Irokesenschnitt und Muppets-Badehose (unsere Bedienung) führte uns an einen Tisch für zwei, den wir bis zur nächsten Reservierung um 20h unser eigen nennen durften.
Der Laden war großartig. Die Raumgestaltung folgte einem Konzept, die Wände waren kunstvoll angemalt, der ganze Laden irgendwie verwinkelt. Der Flur zum Hof war gestaltet wie ein Innenhof, ein anderer Raum lud zum dinieren auf Sofas ein, inkl. unkitschigem LED-Sternenhimmel. Trotz der coolen Akzente wirkte alles noch irgendwie Alternativ und menschlich. Ganz großes Kino!

Die Speisekarte überzeugte durch die bunte Mischung. Von Basics wie Gemüsespießen über Quesadilla bis hin zum „Gyros“ war für jeden Geschmack etwas dabei. Wir konnten uns nicht entscheiden und bestellten eine gemischte Platte für 2 Personen, „Big Clear Head“, ein Querschnitt durch die Hauptgerichte für 425 CZK (~16 EUR). Die Sachen waren fantastisch und ich ging gut gesättigt aus dem vermutlich besten Restaurant, in dem ich bisher gegessen habe. Das sehe anscheinend nicht nur ich so: Trotz der versteckten Lage waren fast alle Tische im 2 Stunden Takt durchreserviert, der Laden proppenvoll und am brummen. Wer auch immer von euch jemals nach Prag fährt, Fleischfan hin oder her, besucht bitte dieses Restaurant und lasst euch einfach mal von einem stimmigen Gesamtkonzept und hervorragendem Essen beeindrucken.

Danach war nicht mehr viel möglich (Fresskoma) und wir wussten ja, dass wir am nächsten Morgen um 8 aus dem Haus müssen. Ein letzter Spaziergang durch die ganze Innenstadt nach Hause war unser Abschlussprogramm für Prag. Danke Prag, ich habe dich liebgewonnen.

Morgen melde ich mich dann aus Cesny Krumlov, einem Ort drei Busstunden südlich von Prag. Dort soll es sehr schön sein und der Spot eignet sich hervorragend zum Kanu fahren. Nach der Stadt steht wieder ein bisschen Natur an. Wir werden sehen 🙂

(Noch am Rande: Ich bin ja ein Freund des europäischen Gedankens, fernab jedweder finanziellen oder politischen Bedeutung. Ich stehe auf offene Grenzen, Freizügigkeit bei der Wohnortwahl und den ganzen „Wir sind alle Brüder“-Kram. Und ich muss sagen, bisher wurde ich darin auch bekräftigt. Europa ist schön und die Leute oft so nett, wieso schimpfen wir über unsere Nachbarn und die über uns? Ich verstehe das nicht.

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