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Eine Kiste Musik #1: A Guide to Love, Loss & Desperation

Eine Kiste Musik? Wie bitte?

Jeder kennt das: Es gibt bestimmte Interpreten oder Alben, die euch in einer bestimmten Zeit begegnet sind, euch durch eine bestimmte Zeit geholfen haben oder euch an eine bestimmte Zeit erinnern und die ihr immer wieder gerne hervorholt, um euch daran zu erfreuen. Oder melancholisch zu sein. Oder auch irgendwie…beides.

Einer der großen Segen des Musikstreamings ist die Möglichkeit, dass ich immer passend genau zur Laune, Stimmung, äußeren Eindrücken oder Einfällen meine Musik verändern kann. Früher musste man eben damit vorlieb nehmen was man auf seinem Tape oder seinem tragbaren mp3-Player hatte. Wenn dann morgens der eigene Hamster verstarb und man lieber Trost in ruhiger Popmusik gesucht hätte, das eigene Gerät aber nur die Diskographie von Cannibal Corpse bot -tja, das war dann leider Pech.

So kommt es dann auch, dass ich öfter mal wieder alte Scheiben auspacke, die mir besonders gut gefallen und/oder mir besonders viel bedeuten. Und dann kam ich auf die Idee, dass ich dazu auch irgendwie was zu sagen habe. Danach dann dachte ich mir, das sei ein guter Inhalt, um ihn hier abzulassen. Also habe ich diese Rubrik geschaffen. Eine Kiste Musik, meine persönliche Liebeserklärung.

The Wombats – A Guide to Love, Loss & Desperation

Vor vielen Jahren habe ich während eines Nebenjobs A. kennengelernt. Ich fand A. sehr super und sie mich auch und es folgte eine Zeit, die ich sehr toll fand. Leider war die Zeit auch irgendwann vorbei, was mich sehr lange sehr traurig gemacht hat. Aber das ist eine andere Geschichte.

A. hatte im Auto ein paar Lieder laufen, die neu für mich waren. Eines davon war „Moving to New York“, welches mich sofort begeisterte. Der Drive, die Lockerheit und natürlich Matthew Murphys unverkennbare klare Stimme -ich war auf der Stelle hin und weg. Das Teil lief bei mir tagelang auf Dauerschleife und hat dabei gar nicht daran gedacht, sich abzunutzen.

Lyrics: https://genius.com/The-wombats-moving-to-new-york-lyrics

Das ganze Feeling, das dieser Song vermittelt, ich kann es kaum in Worte fassen. Es hat mich selbst, Anfang 20, und dieses ganze Gefühl des jungen Erwachsenen, der irgendwie nicht Erwachsen ist und fernab davon, für irgendwas Verantwortung zu übernehmen, gut abgebildet. Irgendwie konnte ich mich darin wiederfinden. Und dazu diese leichte Aggressivität im Sound. Ich könnte auf der Stelle aufspringen, durch das Zimmer tanzen und mir ein Bier aufmachen, solche Assoziationen weckt der Song in mir.

Es dauerte nicht lange, da fiel mir das ganze Album in die Hände. The Wombats aus Liverpool, gegründet irgendwann 2003, releasen Ende 2007 ihr Erstlingswerk The Wombats Proudly Present A Guide to Love, Loss & Desperation und ebendieses Album brauchte dann noch ein bis zwei Jahre, bis es den Weg zu mir gefunden hatte. Und dann: Liebe!

Optimistische Melancholie

Das klingt ziemlich dämlich (weil gegensätzlich) und ich bin mir nicht sicher, ob jemand diese Begrifflichkeit schon mal benutzt hat, aber es trifft so ziemlich genau das, was ich beim Hören dieser Platte empfinde. Themen wie unerreichte, unerwiderte oder verlorene Liebe, Teen-Twen-Selbstzweifel, (soziale und emotionale) Ängste, Bewältigung von Problemen aber auch Lebensfreude werden stets mit viel Humor und (Selbst-)Ironie vorgetragen, verlieren aber nie an Ernsthaftigkeit. Man lacht nicht über die Musik oder über die Texte, man lacht eher mit den Texten, so wie jemand, der selbst betroffen ist und genau weiß, worum es geht.
Die Musik ist teilweise sehr rotzig, angenehm frisch und flott, die Vocals aber zu jeder zeit so klar und deutlich artikuliert, dass es ein Hochgenuss ist. Das Trio hetzt durch diese Scheibe, als gehe es um Leben und Tod, trifft damit aber genau meinen Nerv.

Beim Hören macht sich in mir damals wie heute ein Gefühl von bitterer Süße breit, Erleichterung und Bedrückung gehen hier Hand in Hand, tanzen nachts besoffen zusammen um die Häuserzeilen der Großstadt.
Kein anderes Album ist so sehr mit meiner Lebenszeit von 20-25 verbunden und drückt all das besser aus, was ich in dieser Zeit gefühlt habe und was mich in dieser Zeit beschäftigt hat, als diese Scheibe. Ich möchte jedem ans Herz legen, sich selbst 42 Minuten Zeit zu nehmen und sich mal durchzuhören. Die Tracks sind durchgehend gut gealtert und auch heute noch hörbar.

This is my first wedding and i hope that it’s my last
Things would be fantastic
If me and the bride didn’t have a past.

The Wombats – „My first wedding“

The Wombats heute?

Die Band ist noch immer aktiv und hat drei weitere Alben veröffentlich: The Wombats Proudly Present: This Modern Glitch (2011), Glitterbug (2015), Beautiful People Will Ruin Your Life (2018). Leider konnte keines davon auch nur im Ansatz das gleiche Gefühl in mir hervorrufen. Die elektronischen Beats von „This Modern Glitch“ haben mich direkt nach Release sehr verstört, weil ich mich unendlich auf Nachschub dieser Band gefreut hatte. Und dann sowas. Bis auf wenige Ausnahmen setzt auch „Glitterbug“ diesen Negativtrend fort. „Beautiful People Will Ruin Your Life“ ist auch da keine Ausnahme und ist der endgültige Beweis, dass man dauerhaft im Indie-Mainstream angekommen ist.
Ich könnte die Wombats jetzt nicht mehr von anderen Bands des Genres unterscheiden, der Sound ist mir auch irgendwie zu „US-amerikanisch“ geworden. Es gibt sicherlich viele Leute da draußen die das ziemlich geil finden, ich gehöre leider nicht dazu.

Fazit

Man kennt das ja: Was man früher mal super gefunden hat, ist einige Jahre oder Jahrzehnte später irgendwie nicht mehr ganz so super. Manchmal auch überhaupt nicht mehr super. Ab und an sogar ziemlich scheiße. Wenn man den den verklärten Schleier der Erinnerung beiseiteschiebt, können sich grauenvolle Abgründe auftun.

Hier ist das glücklicherweise nicht der Fall. Auch nach über 10 Jahren noch pure Liebe für diese 42 Minuten und 25 Sekunden Lebensfreude und den textlichen Heimathafen. Auch nach einer zwangsläufigen thematischen Entfremdung, man wird ja auch älter und reifer, funktioniert die Scheibe noch hervorragend und macht mir sehr viel Spaß.
Klare Empfehlung!

Bewertung: 5 von 5.

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