Zwischen Jeepnys, Laternen und Modern Talking #1

Anmerkung in eigener Sache:
Ich veröffentliche den Beitrag in mehreren Teilen, weil er sonst viel zu lang werden würde.
Leider habe ich es verpasst, in meiner Aufregung Bilder zu machen. Ich möchte aber auch erwähnen, dass ich niemand bin, der ständig den leuten eine Kamera vor das Gesicht hält und sich an ihrer Situation ergötzt. Ich bin kein perverser Voyeur, der diese Menschen, diese Stadt und dieses Land zur Schau stellen will. Ich will es selbst erleben. Und das geht am Besten mit den eigenen Augen, nicht mit der Kamera. Bitte versteht das. Bilder werde ich machen, aber eben nur wenn die Umstände das auch erlauben.

Die Fahrt nach Angeles

Wir sind am Freitagnachmittag gegen 16:00 Uhr aufgebrochen. Die eigentliche Strecke ging von Zuhause mit dem Tricycle zum Russia Market, von da weiter zum SM Bicutan (das ist eine der vielen, vielen, vielen Malls) und ab dort mit dem Jeepney zur Taft Avenue (Metro Station und Bus-Terminals), wo wir in einen Bus nach Dau eingestiegen sind.
Soweit, so einfach. Ich allerdings hatte hier, nach anderthalb Tagen in der eigenen Wohnung, den allerersten Kulturschock. Statt mit dem Tricycle zu fahren (wir bekamen keins) gingen wir zu Fuß. Erst nur bis zur Russia St., dann aber noch darüber hinaus den ganzen Weg bis zum SM. Ich hatte auf dem Fußweg viel Zeit und Gelegenheit mich umzusehen. Und ich war erstmal geplättet. Ich sah überall nur Dreck, Schmutz, Hektik, Lärm, Durcheinander, Unordnung. Dazu kam der starke Gestank der Abgase, die schwüle Hitze und die generelle Überforderung. Meine europäische Ordnung, mein Sicherheitsbedürfnis, all das, was ich gelernt habe, seit ich ein kleiner Junge bin -es wurde mit einem Schlag auf den Kopf gestellt.
Die Straße war verstopft, ab und an bewegte sich der blecherne Troß in Schrittgeschwindgkeit vorwärts. Selten allerdings für mehr als wenige Sekunden. Alles, was weniger als vier Räder besaß, drängelte sich an den Seite und in entstehenden Lücken und unter Zuhilfenahme des Mini-Bürgersteigs an größeren Fahrzeugen vorbei. Der Bürgersteig, wenn man ihn denn so nennen mag, ist mal mit Mühe und Not einen Meter breit, mal nonexistent. Auf dem Bürgersteig wird geparkt, gefahren, gehandelt, gebettelt, geredet, gesessen und, jawohl, auch gelaufen.
Wer, so wie ich, einheitliche Fassaden aus europäischen Städten gewohnt ist, kriegt es hier mit einer optischen Überforderung zu tun, die seinesgleichen sucht. Ich selbst gehöre zu den Leuten, denen die Berliner Straße in Frankfurt mit ihrem Wirtschaftswunder-Chic Tränen in die Augen treibt, weil sie das Stadtbild nachhaltig verschandelt. All die vergossenen Tränen erscheinen jetzt wie eine Farce, wenn ich mir das Straßenbild anschaue, welches sich mir hier bisher geboten hat.
Am SM angekommen stand meine allererste Fahrt mit einem Jeepney an. Ich war ein bisschen aufgeregt, aber auch interessiert. Dieses Fortbewegungsmittel ist ja auch irgendwie Kult und gehört in der öffentlichen Wahrnehmung in dieses Land wie Gondeln nach Venedig, Fahrräder in die Niederlande und Ferraris nach Abu Dhabi.

Vor uns stand ein Jeepney, das im Begriff war, loszufahren. Der Begriff „loszufahren“ ist in diesem Zusammenhang irgendwie nicht ganz richtig. Ich kann das kaum erklären. Eigentlich sind diese Dinger, so wie Tricycles auch, fast immer in Bewegung. Alles folgt einer hop on/hop off Regelung. Es gibt auch feste Abfahrtsorte und dazugehörige Regelungen, feste Routen und feste Fahrpreise. Aber es gibt keinen Schilderwald, keine zentralisierten Informationen. Auf einen europäischen Ausländer wie mich wirkt das alles wie ein Provisorium und irgendwie hinterwäldlerisch. Aber es funktioniert, und das sogar ausgeprochen gut. Mittlerweile weiß ich das, am Freitag allerdings sah die Welt für mich noch ganz anders aus.
Man sitzt im Jeepney auf zwei sich gegenüberliegenden Bänken, ähnlich der Berliner U-Bahn. Der Fahrer registriert, selbstverständlich beim Fahren, alles was sich in seinem Fahrgastraum abspielt. Der zu entrichtende Fahrpreis (für Neulinge nicht ersichtlich) wird zum Fahrer durchgereicht, der verstaut es und gibt entsprechendes Wechselgeld raus. Das Wechselgeld geht durch alle Hände wieder zurück zum Fahrgast. Dieses System funktioniert erstaunlich gut und wird auch von niemandem in Frage gestellt. Es hat mich beeindruckt. Was mich noch beeindruckt hat, waren die Fähigkeiten des Fahrers. In diesem Verkehrsdschungel vorwärts kommen, Geld kassieren, alles beobachten, Geld rausgeben, Fragen beantworten, Fahrgäste rauslassen und aufsammeln und was alles dazugehört -sowas habe ich bisher noch nie gesehen. Meinen Respekt!
Die Fahrt an sich war aber dann doch keine wirkliche Fahrt. Manila hatte an diesem Tag einen absoluten Breakdown was den Verkehr anging. Es lief nichts mehr. Mimi meinte zu mir nur, so schlimm hätte sie es bisher auch noch nicht erlebt. So brauchten wir bis zur Taft Avenue schon eine halbe Ewigkeit. Die Hitze und die Abgase sind mir stark aufs Gemüt geschlagen, ich war entsprechend genervt, als wir ankamen.
An der Taft Av. Station bot sich mir ein neuer Anblick, der das bisher Gesehene noch überbot. Es war mittlerweile dunkel geworden, die Straßenbeleuchtung ist eher mäßig, der Verkehr war noch immer unglaublich und die Massen an Fußgängern wirkten sehr beklemmend auf mich. Es war eng. Es war stickig. Es war mir fremd. Mimi bewegte sich recht sicher und unaufgeregt durch das Gewühl, was mir ein bisschen Sicherheit gab. Alleine wäre ich total aufgeschmissen gewesen.
Durch die Dunkelheit, die Enge, den Müll und die Masse an Menschen fühlte ich mich schlagartig wie in einem Film Noir. Sin City? Bladerunner? Ich weiss es nicht. Es war auf jeden Fall sehr beklemmend und ich habe mich überhaupt nicht wohl gefühlt. Zum ersten Mal kam mir der Begriff „Moloch“ in den Sinn. Ich hielt mich an Mimi fest und hinterfragte erstmalig, ob das nun die Stadt sein kann, in der ich leben möchte?

Wir fanden den Bus recht schnell und er fuhr, zu unserem Glück, auch kurz darauf ab. Die Busse sind so, wie man sie kennt. Normale Reisebusse für Kurzstrecken (ohne Toilette), mehr oder minder modern. Unserer jedenfalls war recht modern, die Klimaanlage intakt und das Interieur neuwertig. Das Verkehrschaos hielt allerdings an. Wir schleppten uns im Schneckentempo durch die halbe Stadt, erst an der Mautbrücke für die Schnellstraße löste sich der Verkehr auf. Die Überlandfahrt ging dann recht zügig. Für die 100km von Zuhause bis nach Angeles haben wir im Endeffekt aber rund 6 Stunden gebraucht. Ich kenne Leute, die fahren diese Strecke in dieser Zeit mit dem Fahrrad. Doppelt.

In Angeles angekommen stand dann auch noch meine erste Tricyclefahrt an. Nun, was soll ich sagen. Ich mag es nicht so gerne. Es ist eng, es fühlt sich unsicher an und ich sehe, bedingt nur meine Größe und die gebückte Haltung, nichts außer einen kleinen Ausschnitt Straße direkt vor mir. Das wirkt auf mich irgendwie beklemmend. Dazu kommt, das auch die Tricyclefahrer fahren, als gäbe es keinen Morgen mehr und als wäre das ganze Leben ein riesengroßes GTA. Zeit ist Geld, ganz klare Sache. Abenteurlich ist es allemal.
Das Hotel war, für uns untypisch, ein wirkliches Hotel. Unser Zimmer lag im 10. Stock, es war sehr sauber, das Bett war bequem, die Dusche ein Traum und wir sind erschöpft und todmüde nach einem Tag voller Verkehrschaos ins Bett gefallen.

…bald geht’s weiter!

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