Was ich total schrecklich finde #1

Ich werde oft gefragt, ob ich mich schon gut eingelebt habe. Nicht nur von Menschen aus der Heimat, sondern auch von Deutschen, denen ich hier begegne. Manchen merkt man sofort den überschäumenden Enthusiasmus an, man sieht die Liebe zu diesem Land förmlich in ihren Augen. Natürlich möchte ich diesen Menschen nicht über die Füße fahren und antworte dann diplomatisch oder ziehe mit einem „Sehr heiß hier!“ die Lacher auf meine Seite und beende das Thema damit. Aber wieso fällt mir das eigentlich so schwer?

Ich bin im Grunde leicht zu begeistern. Das bedeutet nicht, dass mir jeder Mist gefällt, ganz im Gegenteil. Ich bin sehr kritisch, manchmal sogar zu kritisch. Aber wenn mir etwas gefällt, dann kann ich dafür Feuer und Flamme sein, mich dafür begeistern. Mit ganzem Herzen. Mir hat mal jemand gesagt, diese Eigenschaft an mir sehr zu schätzen. Was ist das nun also, was in mir so Begeisterungsstürme auslöst? Ich weiss es nicht. Ich kann es nicht erklären, nicht in Worte fassen, ich kann die Bedinungen nicht nennen. Aber ich weiss, dass mein schönes Frankfurt am Main in mir diese Begeisterung geweckt hat, das meine Augen glühten, wenn ich davon erzählte. Ich weiss, dass die Schönheit der Lübecker Innenstadt diese Begeisterung entfachte. Ich weiss auch, dass meine auf ewig währende Lieblingsstadt Assisi ebendiese Begeisterung jedesmal aufs Neue entfacht, wenn ich in Erinnerungen schwelge oder mir Bilder anschaue.
Es ist oft so, dass ich an einen Ort komme, mich damit auseinandersetze, darüber lese, darüber Wissen ansammle und es dann voller Freude an andere Menschen wiedergebe, wenn ich davon erzähle. Aber in bisherigen Skype-Gesprächen bin ich diesem Thema immer ausgewichen, hab mich dabei Unwohl gefühlt. Und ich weiss mittlerweile auch genau, warum:

Ich kann hier so vieles nicht leiden.

Natürlich ist es toll, jeden Tag warmes Wetter zu haben. Natürlich ist es toll, das Urlaubsparadies mehr oder weniger vor der Tür zu haben. Aber es gibt auch so viele Dinge hier die mich stören, die mir Unbehagen bereiten oder die mich schlichtweg vor Unverständnis brechen lassen.

Die Sache mit dem Smog

Wenn ich mit Außenstehenden und Daheimgebliebenen über „Manila“ rede, meine ich damit genaugenommen „Metro Manila“, also das gesamte Gebiet der Hauptstadt Manila mit allen anliegenden Städten wie Pasay, Quezon, Paranaque (wo ich wohne) usw. Das muss man sich so vorstellen wie das Ruhrgebiet, nur ohne Rand, ohne Felder, ohne Grünfläche, ohne Dörfer. Hier ist alles urbanisiert und direkt aneinandergewachsen, was den Eindruck entstehen lässt, das alles hier sei eine riesengroße Riesenstadt -Metro Manila eben.
Die Leute die hier Leben unterscheiden natürlich zwischen den einzelnen Städten und darüber hinaus noch zwischen Vierteln, Straßen und kleinen Wohnsiedlungen. Alles hat hier einen Namen, alles muss sich voneinander abgrenzen, alles will etwas Besonderes sein. Eine phillipinische Eigenart.

Metro Manila also, mit seinen ca. 12 Millionen Einwohnern, besitzt ein Nahverkehrsnetz aus einer Zuglinie (30Minuten Taktung) und zwei Bahnlinien (MRT/LRT) die mit einer U-Bahn oder S-Bahn zu vergleichen sind. Das wars. Davon abgesehen, dass die Haltestellen nur einen Bruchteil der Stadt abdecken, kann sich jedes kleine Kind ausrechnen wie absolut unterversorgt die Stadt wäre, wenn da nicht der Verkehr auf der Straße einspringt.
Auf der Straße federn hauptsächlich Jeepneys den Bedarf an Fortbewegungsmitteln ab. Jeepneys sehen cool aus, keine Frage, und praktisch sind sie auch. Aber sie basieren auf den US-Jeeps des zweiten Weltkriegs, sind damit technisch veraltet und blasen ein Abgas in die Luft, das jeden Feinstaubfilter und Katalysator auslacht. Dazu kommen veraltete Reisebusse, die zwar eine bessere Umweltbilanz aufweisen können, aber noch immer eine Katastrophe darstellen. Am unteren Ende der Verkehrsnahrungskette sind die sogenannten Tricycles, also Motorräder mit angeschweißten Beiwagen. Zwar kriegt man so bis zu 6 Personen (andernorts auch 8 oder mehr) bewegt, der betagte Zweitaktmotor bläst aber auch ordentlich allerlei furchtbare Sachen in unsere Atemluft.
Ich mag jetzt hier klingen wie der allerschlimmste Ökoterrorist, aber dem ist nicht so. Es ist einfach spürbar. Hier kümmert sich kein Schwein um Auflagen, um Schadstoffwerte, um Abgasuntersuchungen. Es gibt keinen KAT, keine Feinstaubfilter, keine Regulierungen, nichts. Wenn am Bus der Auspuff abfällt, drauf geschissen, dann ist er eben ab. Spielt keine Rolle. Röhrt wie ein lungenkranker Elefant und zieht dunkelschwarze Rußwolken hinter sich her -interessiert hier keine Sau!
Dementsprechend kommt es vor, dass man im Stau steht und eine Art Nebel sieht. Nebel, der die Sichtweite auf ein erschreckendes Maß reduziert. Aber es ist kein Nebel, hier gibt es keinen Nebel. Es ist Smog. Feinstaub. Dreckige Luft. Purer Dreck. Den Mist atmet man dann ein, unweigerlich, zwangsläufig. Es setzt sich fest auf Kleidung, die das Waschwasser dunkelgrau bis schwarz einfärbt, in den Haaren, in den Ohren und natürlich in der Nase. Nach jedem Trip mit dem Jeepney durch die Stadt gehört schwarzes Nasensekret zur Tagesordnung.
Doch auch wenn man es nicht sieht, das Zeug ist überall. In unserem Wohnzimmer findet sich eigentlich dauerhaft eine Feinstaubpatina auf den Fliesen, die die Füße nach kurzer zeit schwarz färbt. Wenn man feucht durchwischt löst man das Problem, aber höchstens für ein paar Stunden. Kommt ihr auch aus dem Dorf und habt mal die Straße vor eurem Haus gekehrt? Neben Blättern und Splitt war da immer so ein schwarzer Sand und Staub dabei. Das war nicht viel, vielleicht eine Hand voll auf 30m Straße. Nun, ich hab hier vor der Tür 2m zu kehren und komme auf einen Putzeimer voll von diesem Sand/Staub. Pro Woche.

Die Sache mit dem Müll

Der nächste Punkt ist der Müll. Es gibt flächendeckend keine Müllabfuhr. Man kippt den Müll hier landläufig auf einen Haufen, zündet ihn an und wartet, bis alles abgebrannt ist. Ungeduldige benutzen Brandbeschleuniger, was dem Geruch und der Rauchentwicklung nochmal ordentlich Nachdruck verleiht. Das ist kein Scherz. Und das macht auch nicht der eine Typ im Schrebergarten am Rand des Dorfes, nein, das macht hier annähernd jeder vor seiner Tür, mitten auf der Straße. Und einen Meter weiter stehen sie und verkaufen gegrilltes Fleisch oder sonstwas an Essen, das den halben Tag offen da rumliegt. Neben dem Dreck in der Luft kriegt das Essen auch noch den tollen Müllverbrennungsrauch ab. Aber das juckt hier auch niemanden. Es gibt dafür kein Bewusstsein in der breiten Bevölkerung. Nach mir die Sintflut wird hier gepaart mit „Hoffentlich weht der Wind nicht in meine Richtung“ und klärt alle Fragen der Nachhaltigkeit.

Wenn man unterwegs ist, macht man sich als Einwohner hier gar nicht erst die Mühe, den Müll zu sammeln. Man schmeisst ihn einfach weg. Auf die Straße, aus dem Auto, in den Palmenhain, auf den Bürgersteig, in irgendeine Ecke. Scheißegal. Juckt hier keinen.

Jpeg

Jpeg

Was ich unterwegs schon an Müllbergen und Plastiktüten an den schönsten Naturfleckchen gesehen habe, treibt mir immernoch die Tränen in die Augen. Auch hier existiert kaum ein Bewusstsein für den Müll. Ich würde sogar noch weitergehen und behaupten: Wer in der Natur seinen Müll hinschmeißt und die Schönheit nicht zu würdigen weiss, dem spreche ich jedes Ansinnen von Ästhetik absolut ab. Ich finde die Menschen, die sowas machen, total scheiße. Und nein, da ist mein Toleranzbogen einfach überspannt.
Aber was soll’s, es gibt ja nicht mal Mülleimer. Wozu auch, dann bräuchte man ja eine Müllabfuhr. Die Alternative zum „Ich verbrenne meinen Müll“ lautet übrigens „Ich schmeisse meinen Müll in den Fluss“:

Jpeg

Jpeg

Jpeg

Bitte nicht falsch verstehen: Es ist ein Entwicklungsland. Aber: Hier werden riesengroße Malls aus dem Boden gestampft, Konsum, Plastik und Wegwerfgesellschaft werden hier zelebriert wie ich es noch nie vorher gesehen habe, aber um die einfachsten Dinge schert man sich hier einen Scheissdreck. Ist doch egal, ob die 24 Kekse einzeln verpackt sind. Man zündet es ja sowieso an, hinterher. Und dann nimmt der Müll ja auch keinen Platz mehr weg, wenn er verbrannt ist…

Das reicht erstmal.

1 Kommentar

  1. Komisch, wie bekannt mir manche Bilder vorkommen. Wir sind zwar kein Entwicklungsland (angeblich!), trotzdem erinnern mich gerade die Müllbilder sehr an hiesige Bilder nach Veranstaltungen wie bspw. Fußballspielen, wenn die „Fans“ vorübergezogen sind. Ich glaube, als Attila damals mit den Hunnen durchs Land zog, kann es kaum schlimmer ausgesehen haben. Wir brauchen dazu inzwischen keine Hunnen mehr, unsere Hooligans und Fußballfans schaffen es problemlos, alles vollzumüllen nach dem Motto „Wozu gibt es denn Putzfrauen und Müllreinigung?“. Am liebsten möchte ich die Wohnung einer solchen Intelligenzbestie besuchen, alles richtig vollmüllen und dann sagen „Ich weiß gar nicht, was du hast. Ist doch deine Wohnung, also putze auch gefälligst. Warum sollte mich das mehr jucken als dich, wenn du deinen Müll woanders ablädst?“.
    Wir scheinen inzwischen in einem Rückentwicklungsland zu leben, denn in einem Entwicklungsland hätten wir noch Hoffnung auf Besserung. Die ist leider nicht zu sehen … 🙁

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


*