Episode 7 – Hue

Ich liege im Bus nach Hue als mir auffällt, dass in meiner linken Hosentasche etwas unangenehm drückt. Fest davon überzeugt davon, mein Taschenmesser mal wieder in die falsche Hosentasche gesteckt zu haben, fasse ich hinein und erschrecke. Mir läuft ein eiskalter Schauer des Entsetzens den Rücken hinunter. Verdammt.

Ich habe den Zimmerschlüssel des letzten Hostels nicht abgegeben.

Ich brauche ein paar Minuten, bevor ich mich traue, Mimi einzuweihen. Irgendwie ist mir das alles ein bisschen peinlich. Und naja, sowas ist in der Regel ja immer mit Aufwand verbunden. Klar, ich könnte auch der Typ sein, der den Schlüssel in den nächsten Mülleimer schmeisst und sich nicht weiter darum kümmert. Ist ja auch nicht meine Schuld, oder? Wenn man als Hostel zu doof ist, beim Checkout den Schlüssel zu verlangen, was kann ich denn dafür? Aber ganz so einfach ist es dann doch nicht. Ein Besuch beim Postamt steht für den nächsten Morgen also schon mal auf dem Plan.

Muss ich jetzt mit dir reden?

Nach unserer Ankunft in Hue am frühen Abend wurden wir von zwei Mädels aus Deutschland angequatscht. Beide haben in Freiburg studiert (wie irgendwie jeder…) und stehen kurz vor ihrem Master. Zum Kräfte tanken haben sie dann einen dreiwöchigen Vietnamtrip eingeschoben. Da die Hostel beinahe alle in der gleichen Ecke liegen, teilten wir uns eine Viertelstunde des halbstündigen Fußmarsches. Warum ich das erzähle? Weil ich hier, mal wieder, gemerkt habe, wie schwer es mir mittlerweile fällt, Small Talk zu führen. Back in the days, so vor einigen Jahren noch, war das überhaupt kein Problem. Mit wie vielen (komischen) Menschen ich (komische) Gespräche geführt habe ohne mich daran zu stören, puh, das müssen unzählbar viele gewesen sein. Das können sicherlich viele meiner Freunde bestätigen.
Aber mittlerweile? Schon die ersten Sätze eines Gesprächs ermüden mich im Rekordtempo. Ich versuche zwar noch, irgendwie nett zu sein, laufe aber wohl schon in der Kategorie „beschissener Gesprächspartner“, weil ich nicht wirklich viel nachfrage, kein Interesse heucheln kann und auch eher wortkarg wirke. Die Sache ist: Es interessiert mich aber auch wirklich oftmals einen totalen Scheiss, was diese Leute machen, wer sie sind, wo sie herkommen und was sie alles erlebt haben. Zugegebenerweise waren die beiden Studentinnen ganz nett und relativ normal, bei der „supercoolen Backpacker“-Type schalte ich schon vorher auf Ablehnung.
Ich denke dann oftmals, dass ist eine normale Begleiterscheinung, wenn man älter wird. Aber dann wiederum sehe ich andere Leute, auch ältere, die mit anderen Menschen diese Hasengespräche führen und sich tatsächlich dafür interessieren zu scheinen (oder die ihre Heuchelei schon perfektioniert haben). Ist es ignorant und falsch, sich nicht für diese fremden Leute zu interessieren? Gibt es einen Reisendenkodex, der mich dazu verpflichtet mit Leuten meiner Hautfarbe, meiner ethnischen Gruppierung, meiner Sprache, meines Landes oder meines Kontinents sprechen zu müssen? Ich bleibe bei einem entschlossenen „Nein“. Es interessiert mich einfach nicht.

Das Ding mit den Ratings

Unser Hostel in Hue hatte auf Hostelworld (oder booking, ich bin mir nicht mehr ganz sicher) ein außergewöhnliches Rating von über 9.0/10 Punkten. Sowas sieht man nicht oft, auch wenn die Ratings in Vietnam tendeziell sehr gütig zu sein scheinen. Anyway, als wir dort ankamen wurden wir sofort massiv enttäuscht.Gerade nach dem Aufenthalt im bisher besten Hostel der gesamten Reise, in Hoi An, war das ein herber Rückschlag.

Der düstere Empfangsraum aka Lobby aka Frühstücksraum führte in einen düsteren Treppenaufgang. Im vierten oder fünften Stock (!) war dann unser Dorm-Zimmer zu finden. Auch hier wieder ein Schlafsaal für 5 Personen, damit wir etwas Geld sparen konnten. Anstatt, wie oft so üblich, Doppelstockbetten zu verwenden, war der Raum mit konventionellen Einzelbetten vollgestellt. Ich sage vollgestellt, weil er vollgestellt war. Zwischen jedem Bett blieben ca. 20 cm Lücke zum Nachbarbett, was wunderbar viel Privatsphäre versprach. Nicht. Einen Raum teilen ist das eine, in der Nacht den Atem von fremden Menschen im Gesicht spüren zu können, etwas anderes.
Wirklichen Stellplatz für das Gepäck gab es auch nicht und die Badezimmertür war auch nur mit Mühe und vorbeiquetscherei an einem Bett zu erreichen. Herrlich. Der ganze Raum war, wie auch schon Flur und Treppenhaus, wunderbar heruntergekommen und hat den letzten Pinselstrich vor zu langer Zeit gesehen.

Die erste Nacht hatten wir zwei Typen im Raum, die nicht weiter gestört haben. Die sind spät ins Bett und früh wieder raus, alles okay. Wir sind dann auch irgendwann aufgestanden und runter, um unser inklusives Frühstück einzunehmen. Wir bekamen ein Okay-Baguettebrötchen und ein total fettiges Rührei-Omelette-Dings. Getränke gab es an diesem ersten Morgen keine für uns. Serviert wurde das mit gezogener Fresse und ohne Worte von einer der Angestellten, die sich in den nächsten Tagen noch als besonders freundlich herausstellen sollte (das war Ironie).

Jetzt geht es auch gleich mal um Sehenswürdigkeiten

Wir sind dann schnell zum Postamt gelaufen, ich musste ja noch meiner Pflicht nachkommen. Ich habe es in meinem Beitrag zu Saigon nicht erwähnt, aber die Post in Vietnam ist ein großartiger Dienstleister. Wenn man hier etwas zu verschicken hat (so wie wir in Saigon überflüssige Kleidung), muss man sich keine Gedanken um die Verpackung machen. Das übernimmt die Post, die das Zeug sicher und fachmännisch (und ohne Aufpreis) für jemanden einpackt. Grandios. So war das auch hier mit dem Schlüssel, den wir für ca. 0,60 EUR via Express zurück nach Hoi An geschickt haben.
Danach sind wir zu dann endlich zum eigentlichen Besuchsgrund aufgebrochen: Der alten Kaiserstadt.

Jetzt aber wirklich!

Ähnlich wie die verbotene Stadt in Peking oder andere Palaststädte in Asien, war auch Hue für eine lange Zeit Hauptstadt und Regierungssitz verschiedener vietnamesischer Kaiser. Ich könnte mir jetzt viel Arbeit machen und euch alle mit Namen, Zahlen und Fakten langweilen, aber ich spare mir diese Arbeit einfach. Ich will ja auch kein richtiger Reiseblog sein. Und…ach komm, wenn ich ehrlich bin, interessiert mich sowas als Leser auch nicht wirklich. Wer sich dafür interessiert, kann sich das ja gerne alles auf Wikipedia durchlesen. Für alle, die selbst zum klicken zu faul sind, zitiere ich hier die ersten beiden Absätze:

Huế – Wikipedia

Huế, früher Phú Xuân, ist eine bedeutende Großstadt mit ca. 340.000 Einwohnern in Zentralvietnam am Hương Giang (Parfümfluss). Sie liegt unweit des Meeres vor einer malerischen Hügel- und Gebirgslandschaft der näheren Umgebung – dort auch das Bach Ma-Biosphärenreservat. Huế, das von 1802 bis 1945 Vietnams Hauptstadt war, ist heute die Hauptstadt der Provinz Thừa Thiên-Huế und verfügt über eine gute Verkehrsanbindung mit Bahnhof, Flughafen und Anschluss an die Straßenhauptverkehrsader des Landes. Die Universitätsstadt ist unter anderem bekannt für ihre Medizinische Hochschule. Huế ist Sitz des römisch-katholischen Erzbistums Huế mit einer Kathedrale im Stadtzentrum. Jeweils im April wird ein national vielbeachtetes, einwöchiges städtisches Kulturfestival organisiert.

Die Zitadelle mit der Verbotenen Stadt (eigentlich die Palastanlage der Nguyen-Dynastie, die von 1802 bis 1945 die vietnamesischen Kaiser stellte), die nach dem Vorbild in Peking entstand, wurde 1993 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt. Die Anlage war während der Tet-Offensive 1968 stark beschädigt worden und zeigt sich inzwischen so restauriert, dass sie – obwohl noch nicht vollständig wieder hergestellt – ein Magnet für Touristen aus nah und fern ist. Die touristische Infrastruktur der Stadt Huế ist mit zahlreichen Hotels, Restaurants und Ausflugsangeboten in jeder Preisklasse – auch im Spitzenbereich – gut aufgestellt.Watch movie online John Wick: Chapter 2 (2017)

Die Anlage ist ziemlich nett anzusehen, aber auch sehr weitläufig. Man brauch auf jeden Fall ein frisches Paar Beine und, je nach Intensität, zwischen 4 und 6 Stunden, um sich alles anzusehen. Je nach persönlicher Laufgewohnheit eben auch mehr oder weniger. So, genug der vielen Worte, hier gibts ein paar Bilder:

Das alles wird dem Ausmaß des Geländes nicht gerecht und die pompösen Ausmaße kommen natürlich auch nicht so gut rüber. Alles in allem ist das auch keines dieser „Ah“ und „Oh“ Ausflugsziele, sondern eher etwas, um einen gemütlichen Tag an der frischen Luft zu verbringen und seinem Spazierdrang nachzukommen. Ich fand es ganz nett, war dann am Ende des Tages aber auch gesättigt mit „Tempeln und Gedöns“.

Schottische Ordnung

Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben Schotten getroffen. Also bewusst. Vielleicht sind mir damals im Pub schon mal welche über den Weg gelaufen, aber da war sowieso alles egal.
Mimi und ich räumen unser Zeug eigentlich immer gut auf/zurück in unseren Rucksack wenn wir aus dem Haus gehen. Soll heißen: Auf unserem Bett liegen keine Klamotten oder Bücher oder sonstwas herum. Das brachte uns gleich mal den Kommentar ein, dass wir sehr ordentlich sind. Wieso ich das erwähne? Ich habe diesem Kommentar erst keine große Bedeutung beigemessen, mir wurde die nächsten beiden Tage aber klar, wieso der Typ das so explizit erwähnte. Diese drei Schotten um die 20 waren nämlich alles, nur ganz bestimmt nicht ordentlich.

Erstmal okkupierten sie jede freie Bodenfliese mit ihren Taschen und Kleidungsstücken, blockierten im Bad die Handtuchstange für die gesamten zwei Tage mit dreckiger Unterwäsche, luden ihren Mist vor der Badtür ab, ließen auch sonst ihre ausgewaschene Unterhosen überall liegen und kümmerten sich einen Scheiss um irgendwas.
Ich wasche auch mal Sachen aus und hänge sie dann auf, aber entweder nur wenn ich im Doppelzimmer schlafe oder wenn ich die Sachen so aufhängen kann, dass sie niemanden nerven (beispielsweise an meinem Bett). Mr. Scot jedenfalls belagerte mit seiner tropfenden Wäsche das gesamte Fenster, den Spind und, als Krönung, den Ventilator. Ich klinge hier vielleicht empörter als ich eigentlich war, es geht mehr um den skurrilen Anblick und mein Unverständnis gegenüber diesen Menschen. Ich meine…so selbstreflektiert muss man doch sein? Schämen die sich denn nicht?

Wir hattenn beide den Eindruck, die drei Kids sind zum ersten Mal alleine verreist. Die sind mit ihren Wertsachen sehr achtlos umgegangen (haben sie immer offen liegengelassen) und hatten überhaupt keine Bedenken, dass irgendwas passiert. Die Dummheit, die eigene Kreditkarte den ganzen Tag offen auf dem Bett (aka Präsentierteller) liegen zu lassen, wurde nur deshalb nicht bestraft, weil sie mit Mimi und Oliver in einem Zimmer waren -und nicht mit anderen Leuten die ich bisher unterwegs getroffen habe. Ich glaube, viele hätten nicht gezögert und sich mindestens einen Spaß damit erlaubt.
Aber das ALLERNERVIGSTE an diesen Leuten war ihre unglaubliche UNFÄHIGKEIT, die Tür zu schließen. Ich meine, im Ernst. Ihr alle kennt diese Rohbautypen, die in der Schule die Tür micht zugezogen haben. Nervt, klar. Aber die? Egal ob sie rein oder rausgegangen sind, die Tür wurde nicht geschlossen. Egal ob sie nur kurz runter sind oder für Stunden das Haus verließen -die Tür wurde nicht geschlossen. Nicht mal als die Typen ins Bett gegangen sind, haben sie die Tür zugemacht (!!!). Das war echt ein so seltsames Verhalten, ich habe wirklich versucht, dass zu verstehen. Ich konnte nicht. Sind alle Bravehearts so seltsam? Ich bin gespannt, wenn ich die nächsten treffe.

Und weiter geht’s…

Wir gammelten noch anderthalb Tage in Hue, mal ein bisschen Pause von Kultur und Sehenswürdigkeiten und dem ganzen Kram. Dauerurlaub ist auch nichts, man brauch auch mal Pause davon. Also ist außer Supermarkt, Essen gehen und der zweiten Staffel von „Better Call Saul“ nicht viel passiert. Unser nächstes Ziel ist Ninh Binh, ein gutes Stück nördlich von Hue, kurz vor Hanoi. Aus diesem Grund fahren wir wieder nachts, um wenig Zeit zu verschwenden. Bis dahin!

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