Episode 4.1 – Dalat

Was ich hier richtig super finde, unter Anderem, sind die Schlafbusse. Ja, Schlafbusse. Man verbringt nervige Reisezeit im Liegen.

Natürlich ist diese Freude nicht uneingeschränkt eine wahre Freude. Da ich das asiatische Durchschnittsmaß leider übertreffe, wird es für mich auf einem solchen Schlafsitz schon ein bisschen eng. Man darf sich das ungefähr so wie einen gut gepolsterten Bürostuhl vorstellen, der sich in einen Winkel von bis zu (ca.) 160° zurückstellen lassen kann. Die Füße steckt man quasi unter die Rückenlehne des Vordermanns und fertig ist die Liegeposition. Wie gesagt, ab 170cm Körperlänge wirds ein wenig unbequem, mit meinen 186cm ist die Komfortzone leider schon wieder verlassen. Dennoch: Wenn man so reisegebeutelt von den Philippinen kommt wie ich (12 Stunden Busfahrt im Sitzen bei minimalster Beinfreiheit), weiss man die Vorteile eines solchen Schlafbusses zu schätzen.

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Wir kamen leider erst sehr spät wieder in HCMC an, weshalb wir nicht mit der Buslinie unserer Vertrauens fahren konnten. Auch mit keiner Anderen. Die Busse für diese Nacht schienen schon voll zu sein.
Unsere letzte Hoffnung war ein Bus von SinhTourist, dem Reiseveranstalter, bei dem wir die blöde Tunneltour gemacht haben. Hat uns beiden nicht sonderlich geschmeckt, diese Entscheidung, aber die Alternative wäre eine weitere Nacht in HCMC gewesen -eine Nacht, die unseren groben Reiseplan etwas durcheinandergebracht hätte. So fiel uns dann auch der erhöhte Preis von 199 000 Dong, knapp 70 000 mehr als die Konkurrenz verlangt, nicht sonderlich schwer -ein Zimmer für die Nacht hätte uns mehr gekostet.

Gammeltours

Der Bus des renommiertesten Reiseveranstalters des Landes war unglaublich verdreckt, die Mitarbeiter nicht sonderlich freundlich oder professionell und wir beide hatten, aufgrund unserer späten Buchung, leider auch Plätze in den unteren Liegen. Der einzige Vorteil für mich, und die damit bisher beste Fahrt: Die Abtrennung zum Schuhfach des Vordermannes hat in diesem Buss (wissentlich?) gefehlt, ich konnte meine Füße also ausstrecken und habe komplett in den Bus gepasst. Demnach konnte ich auch eine Runde schlafen, was mir sonst in Bussen und Flugzeugen vergönnt bleibt.

Es ist kalt da draußen

Wir kamen am nächsten Morgen knapp nach Sonnenaufgang in Dalat an. Den Pick-up Service unseres Hostels gab es nicht weil wegen „is‘ nich“, genauer: Es gab keinen Fahrer um diese Uhrzeit. Welchen Sinn ein Pick-up Service macht wenn es keinen Fahrer zu der vermutlich populärsten Ankunftszeit (nämlich die des Nachtbusses) gibt, wissen wir nicht. Wir haben allerdings auch sehr spät gebucht und erklärten es uns damit.
Als wir aus dem, gewohnt kaltem, Bus ausgestiegen sind, erwarteten wir die wohlige Wärme die uns umgibt, wenn wir hier normalerweise aus einem Bus aussteigen. Fehlanzeige. Wir froren. Gegenüber HCMC zeigte das Thermometer hier nur 16°C, also einen gehörigen Unterschied. Ich fühlte mich sofort an Sagada (Philippinen) erinnert, auch wenn es dort gefühlt weniger frisch war.

Seltsamer Hosteltyp

Untergebracht waren wir, wie auch in HCMC, in einem Hostel im gemischten Vier-Bett-Zimmer. Das war die günstigste Option und auch vollkommen okay. Die Lage war noch gut verkraftbar (10-15 Minuten Fußweg bis zum zentralen Markt/Downtown) und der Preis mit ca. 5 USD pro Nacht auch vollkommen in Ordnung.
Wir waren sehr früh dran, wie eben schon erwähnt, und selbstverständlich kann man da auch nicht einchecken. Wir deponierten also unsere Taschen und konnten gegen 12 zurückkommen, um unser Zimmer zu beziehen. Ich war ziemlich durch von der Busfahrt und auch ziemlich benebelt von Müdigkeit, aber der Typ der dort arbeitete, kam mir da schon ein bisschen komisch vor. Vielleicht lag es zu einem großen Teil an seiner engen Lederjacke und seinem schmalen Gesicht, aber er erinnerte mich an einen typischen Antagonisten aus einem billigen Hong-Kong-Streifen. Komisch war er auch deshalb, weil er im Sekundentakt zwischen auskunftsbereit und serviceorientiert und blöder Arsch gewechselt hat, auch ohne erkennbare Gründe. Ziemlich ambivalenter Kerl, so zumindest meine Wahrnehmung. Die Krönung kam am nächsten Morgen: Wir haben das kostenlose Abendessen am ersten Abend für alle Neuankömmlinge nicht wahrgenommen (weil wir so einen erzwungenen Sozialisierungsquatsch mit Mitreisenden nicht so gerne haben), was uns der Typ ziemlich übel genommen hat. Als er mir vorwurfsvoll sagte, wir seien nicht dagewesen weil wir erst „um halb Acht oder so“ zurückgewesen sind, erwiderte er „Ja, ihr wart erst um Acht zurück“, was auch noch stimmte. Wieso und weshalb wir so kontrolliert wurden, wussten wir auch nicht -gruselig war es allemal.

Tolle Natur…

Während wir den ersten Tag einfach nur rumgelatscht sind und uns den Ort angeschaut haben, stand der zweite Tag für die Erkundung der näheren Umgebung. Wir haben uns für schmale 100 000 Dong (4 EUR/5 USD) einen Roller ausgeliehen und sind mit dem abgedüst.
Der erste Stopp war ein Wasserfall in unmittelbarer Umgebung von Dalat, keine 10 Minuten Fahrt mit dem Roller entfernt. Mein besonderes Highlight war die Sommerrodelbahn, mit so einem Ding bin ich schon ewig nicht mehr gefahren. Der Rausch der Geschwindigkeit wurde nur vom komatösen Vordermann etwas gebremst -ich hatte trotzdem meinen Spaß.

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Unten angekommen gab es die Hauptattraktion für fast alle Touristen, die diesen Ort ansteuern: Einen Wasserfall. Im Reiseführer wird der als relativ unspektakulär beschrieben. Das mag zwar auch so sein, aber schön anzusehen war er trotzdem. Nach einem kurzen Spaziergang (oder einer Seilbahnfahrt) kam man zu einem zweiten Gefälle, für dessen Bewältigung NUR ein kostenpflichtiger Fahrstuhl bereitsteht. Wir passten an dieser Stelle und kehrten wieder um.

Von hier aus ging unsere Reise an den nahegelegenen (und ziemlich großen) See, der südlich von Dalat gelegen ist. Was genau es dort zu sehen gab, wussten wir auch nicht. Wir versuchten einfach, eine Runde drumherum zu fahren (soviel wie Google Maps uns verraten konnte) und dabei den einen oder anderen schönen Fleck zu finden.

…und blöde Arschkrampen

Nach einer Viertelstunde entdeckten wir eine Ansammlung von Einfamilienhäusern im Rohbau, sich selbst und der Natur überlassen. Das war eine gigantische Ansammlung von Bauruinen die eine ganz eigene Stimmung ausstrahlten. Ich fand das irgendwie super und wollte ein paar Bilder machen. Wir parkten unseren Roller vor einem solchen Haus und schauten uns für ein paar Minuten darin um.Die zwei Jugendlichen, die gerade im Begriff waren auf ihren Roller zu steigen und wegzufahren, beachteten wir nicht weiter. Wir waren es ja mittlerweile gewohnt, angestarrt zu werden.

 

Als wir wieder herauskamen, fiel Miriam auf, dass meine Mütze nicht mehr da war. Diese Pfeifen haben sie wohl einfach einkassiert, dachte ich mir, und ärgerte mich. Nicht nur, dass ich siei mir in den USA gekauft habe, es war nach dem Verlust meiner heißgeliebten New Era Mütze schon die zweite innerhalb von 11 Monaten. Hmpf.
Als ich wieder auf den Roller steigen wollte, wunderte ich mich, wieso der Tragegurt von Miriams Tasche aus dem Helmfach herausguckt. Kann natürlich mal passieren, aber mir ist das vorher nicht aufgefallen und eigentlich passiert Miriam sowas auch nicht. Wir schauten nach, öffneten das Helmfach und bemerkten auch den offenen Reisverschluss.

Miriam kontrollierte den Inhalt ihrer Tasche und es fehlte, natürlich, ihr Geldbeutel (der ganz oben in der Tasche lag). Diese Arschkrampen haben uns beklaut. Während wir nur wenige Meter entfernt und nur für wenige Minuten abgelenkt waren, haben sie unser abgeschlossenes Helmfach aufgeknackt, die Tasche geöffnet und den Geldbeutel mitgehen lassen. Wir waren außer uns, traurig, verwirrt und vor allem auch unglaublich angepisst. Wir haben uns sofort auf den Roller geschwungen und die nähere Umgebung, Straßen, Gräben abgesucht, da nach der Geldentnahme der Rest ja oftmal weggeworfen wird. Nichts, nirgends.

Als wir Inventur machten und im Gedanken den Inhalt durchgingen, bemerkten wir erst, was für ein unglaubliches Glück wir gehabt haben. Ich hatte erst kurz vorher 200 USD in VND getauscht, die waren aber in unserem Fremdwährungsgeldbeutel (auch in der Tasche, aber der lag eben nicht oben drauf). Unsere Pässe hatte das Hostel, der Führerschein war beim Rollerverleiher. Telefon und alle anderen Utensilien waren noch da. Alles was fehlte war dieser eine Geldbeutel, darin ca. 500 000 Dong (20 EUR) und ein paar Andenken an die Philippinen (zB der philippinische „Ausweis“, die Schul-ID etc. pp.). Wir hatten also wirklich Glück im Unglück gehabt, wenn man das so nennen will. Für den Rest des Tages jedenfalls hielt ich nach meiner Mütze ausschau und hielt jeden männlichen Vietnamesen zwischen 18 und 25 für den potentiellen Dieb.

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