Episode 20 – Beijing, die Zweite

Die verbotene Stadt

Meine Gefühle befanden sich irgendwo zwischen Hype und wilden Befürchtungen, waren meine bisherigen „must see“-Erlebnisse eher bescheiden (Terrakotta-Armee…). Aber gut, wir sind da, wir sind willig und wir versuchen unserer Voreingenommenheit zurückzustellen.

Die Anfahrt mit dem Stadtbus gestaltet sich relativ einfach, leider bemerken wir erst nach dem Aussteigen, dass der Bus am Ausgang gehalten hat, und wir nun einmal komplett außen herum zum Eingang laufen müssen. Wir sind aber nicht die einzigen Leute, denen das passiert ist: So ziemlich jeder aus diesem Bus (und den vorherigen und den nachfolgenden) tritt mit uns den Marsch an.
Am Eingang sind mehrere Schlangen zu sehen. Wir stellen uns brav an und warten auf Einlass. In der Schlange vor uns steht eine Frau aus den USA, die uns kurzerhand anspricht und sich mit Smalltalk die Zeit vertreiben mag.
Nach der obligatorischen Sicherheitskontrolle, die überhaupt erst zur Schlangenbildung führt, sind wir in einer Art Vorhof angekommen, an der sich auf der linken Seite die Kassen für den Eintritt aufreihen. Wir bezahlen unsere 60 Yuan pro Person (so ca. 8 Euro) und noch etwas extra für den Audioguide. Wir sind erst skeptisch, wollen aber nicht ohne Erklärungen durch dieses riesige Ding laufen -daher erscheint uns der Audioguide als angemessen.

Technische Differenzen

Ich habe schon Erfahrungen mit Audioguides sammeln dürfen. Ich kenne das System folgendermaßen: An Punkt X steht eine Erklärungstafel für alle Besucher, darauf zu erkennen ist außerdem eine Zahl oder ein Buchstabe für den Audioguide. Am Gerät selbst navigiert man dann zu entsprechender Zahl, drückt auf Play und hört sich das entsprechende Kapitel an. Das wird gelöst mit spezieller Hardware, mit MP3-Playern der Apfelfirma oder mit einer App für das Smartphone.
Der Einsatz meiner eigenen Benutzermündigkeit bleibt mir in der verbotenen Stadt allerdings verwehrt. Der Audioguide ist ein Kunststoffgehäuse in etwa der Größe eines aktuellen Smartphones, hat einen aufgedruckten, sehr vereinfachten „Plan“ des gesamten Geländes und über den Plan verteilt winzige LED-Lämpchen. Es ist folgendermaßen gedacht: Ich stecke mir den Guide ins Ohr, bewege mich nach eigenem Gusto durch die verbotene Stadt und bekomme, vollautomatisch, den entsprechenden Text abgespielt, wenn ich ein bestimmtes Areal betrete. Das klingt ja erstmal total sinnvoll und komfortabel, oder? Ja, dachte ich auch, zumindest für kurze Zeit.

In der Praxis war es schwer, immer den entsprechenden Spot zu finden, an dem das Gerät auch tatsächlich anfängt, einen Text abzuspielen. Die Beschilderung, die mir dabei helfen sollte, stand manchmal 20-30m von dem Punkt entfernt, an dem endlich die Audiodatei getriggert wurde. Man sollte tunlichst vermeiden, sich zu bewegen, sobald der Guide loslegt -ansonsten kann es passieren, dass die Datei abbricht und einfach von vorne beginnt. An manchen Stellen liefen wir im Kreis wie Verwirrte, um endlich den Guide auszulösen. Das sah mit Sicherheit schräg aus und hat mich stellenweise wirklich genervt. Die Qualität der Informationen war allerdings gut und, dank des starken chinesischen Akzents der deutschen und der englischen Tonspur, manchmal auch sehr unterhaltsam. Mir ist das Gerät übrigens zwei Mal abgestürzt/hängengeblieben, was ich daran gemerkt habe, dass mir der zehnminütige Eingangstext („Willkommen in der verbotenen Stadt…“) erneut abgespielt wurde. Herrlichst.

Außen Hui, Innen pfui

Der Anblick der ganzen Gebäude ist schon sehr beeindruckend. Selbst wenn man sich vor Augen führt, dass dies hier das chinesische Äquivalent zu europäischen Schlössern ist, ist die Größe in jeder Hinsicht übertrieben.
Die klassische Anordnung in Häusern mit Höfen, die voneinander abgetrennt sind, ist aus Tempelanlagen bekannt. Die gesamte Planung der Anlage unterliegt strengen Gesetzmäßigkeiten, die Ausrichtung einzelner Gebäude in bestimmte Richtungen, die Anordnung der Gebäude zueinander, die Verbindungswege. Ich möchte euch hier, wie immer, nicht mit Inhalten quälen, die man auch an anderer Stelle nachlesen kann.
Was den tollen Gesamteindruck erheblich schmälerte, war allerdings das Innenleben der Gebäude.
Wir sind das in Europa so gewöhnt, dass man sich Mühe macht, Räume nachzubilden. Sei es Mobiliar, Gemälde, Teppiche oder anderer Kram, der ausgestellt wird (beispielsweise Ritterrüstungen). Im Angesicht dieser Gewohnheit war ich natürlich ein bisschen enttäuscht. Die meisten Gebäude sind schlicht und ergreifend leer. Hier und da wurden mal Ausstellungen hineingepackt (manchmal auch zu entkoppelten Themen), aber der Großteil der Gebäude zeichnete sich aus durch gähnende Leere. So war es dann auch nicht weiter verwunderlich, dass sich irgendwann eine Art Ermüdungseffekt einstellte, unser Entdeckerdrang abebbte und wir nicht mehr wirklich Elan hatten, in jede Tür hineinzugehen.
In manche Anwesen konnte man sowieso nicht hinein. Obwohl im Audioguide vermerkt und auf den Karten und Schildern verzeichnet, waren manche der großen Holztore verschlossen. Die Gründe dafür wurden aber nirgendwo genannt.

 

 

Nach ungefähr fünf Stunden waren wir durch und hatten genug gesehen. Wir machten uns auf den Weg zum Ausgang und fuhren zurück ins Hotel. Auf dem Weg zum Bus musste ich nochmal schmunzeln: Bei der Sicherheitskontrolle am Eingang werden sämtliche Feuerzeuge eingesammelt (striktes Rauchverbot, da alles aus Holz), am Ausgang stehen Horden von Feuerzeugverkäufern. Was davon wohl alles Gebrauchtware war…? 😉

Alles in Allem waren wir beide weniger enttäuscht als von der Terrakotta-Armee. Aber so richtig ist der Funke auch hier nicht übergesprungen, was hauptsächlich daran lag, dass man sich die Architektur auch in kleineren, schöneren Tempelanlagen o.ä. ansehen kann. Was die Sache dennoch empfehlenswert macht, ist der für chinesische Verhältnisse sehr geringe Eintrittspreis von nur 60 Yuan -da kann man nun wirklich nichts mit falsch machen.

Was Beijing sonst noch so zu bieten hat, lest ihr dann beim nächsten Mal =)

 

Episode 19 – Beijing, die Erste

Beijing also. Die Hauptstadt Chinas.

Ich bin mir nicht mehr sicher, was ich genau erwartet habe. Nach den ganzen Megastädten, die ich bisher in China gesehen habe, erwartete ich auf jeden Fall etwas, was in meiner Vorstellungskraft nicht unbedingt in seiner Gänze greifbar ist. Selbstverständlich sollte ich auch Recht behalten.
Ich kann nicht mal sagen, diese Stadt sei auf den ersten Blick besonders faszinierend oder besonders schön, besonders sehenswert oder eben irgendwie „Besonders“. Sie ist auf den ersten Blick einfach unglaublich riesengroß. UNFASSBAR RIESIG.

RIESIG!

RIESIG!

RIESIG!

Wir sind am Abend in Beijing angekommen, am Hauptbahnhof. Die Reise verlief ohne bemerkenswerte Zwischenfälle. Der Bahnhof allerdings überforderte uns wieder völlig, vor allem bei Dunkelheit. Der gesamte Bahnhofsvorplatz, garantiert die Fläche mehrerer Fussballfelder, war ein Open-Air Wartesaal, umzäunt von den allgegenwärtigen Metallzäunen. Besucherströme sollen so wohl gelenkt werden (haha), wie genau man jetzt aber zur Metro oder zum Taxistand kommt, ist auf Anhieb nicht ersichtlich. Die Beschilderung ist allenfalls ungenügend und teilweise auch irreführend.

Nasentest

Wir schaffen es dann doch irgendwann in ein Taxi, welches uns rasant zu unserer Unterkunft befördert. Nichts besonderes (wie immer), aber immerhin ein Doppelzimmer für uns allein, kein Schlafsaal. Ich bin soweit damit zufrieden, nur irgendwie ist da so ein komischer Geruch, den ich nicht einordnen kann. So irgendwas zwischen Käsefuß und Erbrochenem. Manchmal weht er in mein feines Näschen, manchmal nehme ich ihn nicht wahr. Ich checke kurz, ob unter dem Bett oder im Schrank was rumliegt, was da nicht hingehört. Außer zwei Paar Gummicrocs (Inventar) kann ich aber nichts finden. Rätselhaft…

Wir duschen, gehen was leckeres essen (Vegane Restaurants! Yeah, Beijing! Yeah!), legen uns danach ins Bett und schlafen recht schnell ein. Mein letzter Gedanke gilt diesem komischen Geruch. Ich spiele kurz mit dem Gedanken, auf ein anderes Zimmer zu bestehen, verwerfe den Gedanken dann aber schnell wieder. Trotzdem: Was kann das wohl sein…?

Am nächsten Morgen, noch bevor ich realisiere, wo ich mich überhaupt befinde, steigt wieder dieser penetrante Geruch in meine Nase. Ich fasse mir ein Herz und gehe der Sache erneut auf den Grund. Diesmal aber mutiger, ich rieche an den Dingen. Als ich mich den Gummicrocs nähere, muss ich fast brechen. Es sind diese widerlichen Hausschuhe. Ich tüte sie ein und verstaue sie in einer Schublade, um sie später dem Typ an der Rezeption abzugeben.
Ich weiss bis heute nicht, was genau mit diesen Schuhen los war. Es wird wohl etwas mit Erbrochenem zu tun gehabt haben, auch wenn man den Schuhen nichts angesehen hat. Wie auch immer: Wer benutzt eigentlich Hotelschuhe, die schon andere Leute getragen haben? Ich finde das unglaublich befremdlich, ja sogar widerlich.

Was gibts zu tun?

Beim Frühstück in der Bäckerei um die Ecke sondieren wir die Lage. Wir haben ein paar Tage in Beijing, bevor wir weiterziehen wollen/müssen. Wir finden Städte ja grundsätzlich aufregend, da ist man in so einer Riesenmetropole wie Beijing natürlich an der richtigen Adresse. Trotz der enttäuschenden Erfahrung mit den Tonfiguren in Xi’an steht ein Besuch der verbotenen Stadt nicht zur Diskussion. Außerdem habe ich Interesse an dem Besuch einer großen und bekannten Technik-Mall (Wir sind immerhin in China, der Zentrale des Technik-Dumpings!), es gibt interessante Tempel zu sehen, inmitten der modernen RIESIGKEIT gibt es natürlich auch noch alte, interessante Stadtviertel zu erkunden und, last but not least, muss man natürlich unbedingt die Mauer gesehen haben. Und achja, die Peking-Oper soll etwas ganz Besonderes sein, habe ich gehört. Dazu aber mehr an einer anderen Stelle. Oder wisst ihr was? Ich bring die Oper-Story jetzt, die ist gut.

Kultur! Kultur! Kultur!

Ich bin mir nicht sicher, wie viele „Kuckucksuhren-Manufakturen“ es im Schwarzwald gibt, aber ich bin mir sicher, die Anzahl wird von „Peking-Opera“ Theaterbühnen um ein vielfaches übertroffen.
Es war nicht so einfach, sich für Eines zu entscheiden. Die Wahl fiel schließlich auf das „Chang’an Theatre (长安大戏院)“, eines der moderneren seiner Art -und angeblich auch ein sehr Beliebtes. Wir kauften unsere Tickets (ich glaube das waren rund 30 EUR pro Person) und freuten uns auf den Abend. Kultur! Kultur! Juhu, Kultur!

(Disclaimer: Ich muss an dieser Stelle sagen, dass ich dem konservativen Theaterspiel durchaus zugeneigt bin, dieses Interesse bei all zu abgefahrenen oder außergewöhnlichen Darbietungen aber schnell ins Gegenteil umschlagen kann)

Wir saßen also auf unseren Plätzen, gebannt, gespannt und total aufgeregt ob dieser neuen Erfahrung. Fernöstliche Theaterkunst, unser Trip, wie aufregend. Wie kosmopolitisch.

Wie grausam.

Auf der Bühne stand eine Frau und schrie (?) in einem jämmerlichen, ohrenbetäubenden und grauenvollen Katzenjammer vor sich hin. Ich möchte niemals in meinem Leben einer Folter beiwohnen, aber bei allem was mir lieb ist, ich bin mir sicher, das sich genau SO eine Folter anhören muss. Mir fehlen noch immer die Worte dafür, was ich gesehen und gehört habe.
Das ganze Spektakel wurde begleitet von übertriebenen Gestiken, klar, und handgemachter Musik vom Drei-Mann-Orchester nebenan. Richtig brutal: Sie spielten eigentlich nur ein „Stück“, das je nach Szene an Intensität gewann oder eben auch wieder abebbte. Stundenlang. An besonders spannenden Stellen wurde einfach wild auf einen Gong gehämmert. Geil!
Die Handlung war in etwa so: Der Hauptcharakter, sehr eitel und kampfbegabt, bekommt die Liebe seines Lebens vor der Nase weggeklaut, weil irgendein hässlicher, fieser und reicher Herrscher darauf Lust hat. Mithilfe eines dicken, lustigen und noch kampfbegabteren Räuberhauptmannes (?) wird der Fiesling seiner gerechten Strafe zugeführt und am Ende sind alle glücklich und zufrieden. Das war auch soweit in Ordnung und die Performance ansonsten auch ganz nett und amüsant. Auch der „Gesang“ der Männer hatte durchaus was, was ich ihm abgewinnen konnte.
Aber diese Frau…woah. Mich schüttelts noch immer, wenn ich nur daran denke.

Die schlimme Frau (2.v.r.) und ihre Zofinnen (oder wie man das nennt)

 

Der „Räuberhauptmann“ mit seinen Spießgesellen

 

Vorne in grün: Der fiese Fiesling

 

Der Held bei Gericht

 

Wir waren danach beide bedient. Es war eine Erfahrung, aber keine, die ich so erwartet habe. Hatten wir nur Pech mit dem Stück? Vielleicht. Hatten wir Pech mit der Schauspieltruppe? Vielleicht. Haben die kulturelle Barrieren uns alles Missverstehen lassen? Vielleicht auch das.
Was für ein Abend…